KRITIK

Ratcatcher

Ratcatcher Der Debutfilm der jungen schottischen Regisseurin Lynne Ramsay kommt unspektakulär daher wie ein Film von Mike Leigh oder Ken Loach (in der Frühzeit). Man sieht in der Farbgebung und der Kameraarbeit die Handschrift der BBC, die den Film mitproduziert hat. Hier liegt die Stärke dieses ruhigen Spielfilms, der eine dokumentarische Nähe entwickelt, die in die Tiefe geht. Ein (britischer) Realismus, wie er zu einer Sozial- und Sozialisierungsstudie passt. Als Jugendfilm kann er neben Filmen wie Fucking Amal oder Grüne Wüste eigene Akzente setzen. Unaufdringlich werden die Gefühls- und Seelenzustände von James dargestellt, in archetypische (wie das heimliche Bier in der Küche) und einfache (wie Nahaufnahmen des 12jährigen) Bilder gegossen. Die Perspektivlosigkeit des Heranwachsenden wird weder anklagend noch verklärend geschildert. Es sind die Träume, die bis ins Surrealistische gehen, die ihn und damit auch den Zuschauer am Leben halten. So ist z.B. die Raumfahrt der gezähmten Ratte an einem Heliumballon zum Mond, wodurch Kenny seinen Platz in der Gang finden möchte, von der Phantasie einer lunearen Rattenkolonie gekrönt, die dem harten Realismus des übrigen Filmes gegenüber steht. Rainer Bach



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INHALT

Glasgow in den 70er Jahren, sozialer Wohnungsbau, Streik der Müllabfuhr und der 12jährige, schmale und blasse James Gillespie mitten drin. Schon längst ist das Totschlagen von Ratten das Hobby der Jugendlichen geworden, während die Erwachsenen in Lethargie verharren. Die Orte sind schnell abgesteckt.Der dreckige Kanal, in dem gleich zu Beginn ein Freund von James beim Rangeln ertrinkt, was den Hauptdarsteller lange belastet. Der Kanal ist aber auch der Ort, an dem er die 14jährige, frühreife Margaret Anne trifft, die regelmäßig von der Jungengang des Viertels missbraucht wird. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Art Beziehung zwischen kindlicher und erwachsener Liebe. Später im Film wird James Vater einen Jungen aus dem Kanal retten, die Schuld seines Sohnes damit begleichen und kurzzeitig den tristen Alltag durchbrechen. Dann gibt es noch die Wohnung, das Haus und die Straße, in der James mit seinen beiden Schwestern, seiner arbeitenden Mutter und seinem bierselig vorm Fernseher einschlafenden Vater wohnt. Unaufgeräumt und abgenutzt scheint hier alles. Und der Protagonist zwischen allen Stühlen: die große Schwester steigt geheimnisvoll in den Bus Richtung Glasgow; die kleine Schwester ist dem 12jährigen als Spielgefährtin zu klein; die Mutter hält zwar das Familienleben praktisch zusammen, richtet aber ihre Träumen rückwärts zum Beginn ihrer Ehe aus. Die Jungen der örtlichen Gang sind älter als James und der gleichaltrige Kenny wohl etwas zurückgeblieben. Als James eines Tages in den Bus steigt, um seiner Schwester nachzufahren, wird er an der Endstation herausgelassen und findet eine Gegenwelt: Wiesen und Kornfelder; Häuser im Rohzustand, in die die Bewohner umziehen sollen.
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