KRITIK

Ralph Reichts

Plakat zum Film Ralph ReichtsIch bin Ralph und ich bin schlecht.“ Mit dem grobschlächtigen Titelcharakter des 3D-Abenteuer aus Disneys Animationsschmiede outet sich Rich Moores „Wreck-it Ralph“. Für die Selbsteinsicht braucht der frustrierte Schurke eines PC-Spiels aus der Ära der Automatenhallen dreißig Jahre. Die verbringt Ralph (Sprecher im Original: John C. Reilly) in der Arkade, die inzwischen neue Spiele mit hochauflösenden Helden bevölkern. Der Antiheld sucht in ihren Welten einen Weg aus der Midlifecrisis und seiner Schurkenrolle. Bei seiner Schlagkraft ist da Ärger vorprogrammiert.

„Ralph der Böse“, der sich, nachdem er 30 Jahre seine vorgeschriebene Rolle gespielt hat, fragt: „Ist das alles?“, summiert Rich Moore. Die Antwort gibt sein überdrehtes Animationsabenteuer: Ja. Die Protagonisten aus verschiedenen Technikepochen und PC-Welten vermitteln diese Botschaft, die sowohl den kleinen Zuschauern gilt, als auch den großen. Erste sollen sich an knalligen Actionspielereien erfreuen, zweite Dank nostalgischer Verweise auf Spielklassiker den quäkenden Soundtrack und die grelle Farbexplosionen durchhalten. Beide sollen lernen, sich mit sozialen Einschränkungen abzufinden. Vorbildlich tut das Ralph, dessen universelles Ausgangsdebakel Produzent Clark Spencer benennt: „Wir alle haben uns irgendwann im Leben gefragt, ob es da draußen vielleicht noch etwas mehr gäbe.“ Für den Titelcharakter ist es mehr als sein alter Baumstumpf, den der namensgebende Held des Baumeisterspiels „Fix-it Felix, Jr.“ für sein Penthouse versetzte. Die Immobilie, die Ralph jede Spielrunde demoliert, damit Handwerker Fix-it Felix sie mit seinem Zauberhammer repariere, ist der Ort von fröhlicher Geselligkeit. Für alle außer Ralph, der selbst zur Party anlässlich des 30. Spieljubiläums unerwünscht ist.

Über die Ausgrenzung kann ihn die Selbsthilfegruppe für PC-Bösewichte nicht hinwegtrösten. Das könnte nur eine glitzernden Medaillen, die zu gewinnen Fix-it Felix in den Programmiercode geschrieben wurde. „Nur die Guten gewinnen Medaillen, aber du bist der Böse.“, erklärt ihm einer der Pixel-Protagonisten, die nach Feierabend ihre Spielpositionen verlassen. Ralph jedoch geht mit seinem eindringen in die fremden Spielwelten des Ego-Shooters „Heros´s Duty“ und des J-Pop-Rennspiels „Sugar Rush“ entscheiden zu weit – und gefährdet nicht nur sich, sondern das gesamte Pixeluniversum. „In dieser Welt gibt es strenge Regeln.“, erklärt Regisseur Moore. „Du machst einen Job und nur diesen einen Job.“ Ralphs Exkurs führt ihn zur Akzeptanz dieser Normierung. Zum Allgemeinwohl opfert er den Selbstverwirklichungswunsch, den der Plot scheinbar bejaht. Die bittere Pille versüßt ihm die zuckersüße Vanellope von Schweetz (Sarah Silverman).

Szene aus dem Film Ralph ReichtsDie aufgrund eines Systemfehlers flackernde Möchtegern-Rennfahrerin aus „Sugar Rush“ erreicht die Zielgerade nur, weil der Sieg immer in ihrem Code stand. Jeder Liebe einen hinreißenden Sieger, weiß Ralph. Darum liebt die Ego-Shooter-Heldin Sergeant Calhoun (Jane Lynch) Spießer Fix-it Felix, der ihr gebrochenes Herz repariert. Alle früheren Widersacher lieben schließlich Vanellope. “Helden müssen die schweren Entscheidungen treffen.“, seufzt King Candy. Der Herrscher des Zuckerlandes der einzig wahre Rebell gegen die uniforme Unsterblichkeit der Digital-Diktatur. Seine honigsüßen Dialektik übernimmt der cineastische Zuckerschock. Zähflüssig tröpfelt die Lehre von der mit einer guten Platzierung im (Lebens)Spiel einhergehenden Gefahr und dem Segen, den Entmündigung für Unterprivilegierte sei. Nachdenken empfiehlt sich da nicht, weiß Vanellope: „Das ist gefährlich.“ Ob der Ultrakonformismus wünschenswert ist, ist nur eine Frage der Perspektive. Der Blick vom Penthouse-Dach, von dem die übrigen Figuren Ralph zum Spielende in den Matsch werfen, wird für Ralph auch emotional der Höhepunkt des Tages.

Dann sieht er kurz seine Freundin Vanellope in „Sugar Rush“. Weiter darf der Blick über den Tellerrand nicht reichen. Der Horizont der Figuren endet ohnehin an der Spielhallen-Tür. Wer die passiert, wurde ausrangiert. Letztes ist angesichts der konformistischen Moral bei „Wreck-it Ralph“ längst überfällig. Ab 6. Dezember 2012 in den deutschen Kinos.

  



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