KRITIK

Radio Rock Revolution

Radio Rock Revolution Wir Spätgeborenen stellen uns die 60er Jahre ja gern als eine einzige, bekiffte Orgie aus cooler Musik, rebellischer Pose und politischer Utopie vor. Und dieses verklärungsselige Bild – high sein, frei sein, Rock n Roll muss dabei sein – wird in Richard Curtis´ Piratensender-Hommage „Radio Rock Revolution“, die im Original noch um einiges charmanter „The Boat That Rocked“ heißt, noch mal kräftig befeuert. Freilich auf eine sehr sympathische Art.

Regisseur Curtis, der vor allem mit seinen Drehbüchern zu Britpop-Romanzen wie „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ oder „Notting Hill“ bekannt wurde, war zu der Zeit, von der sein Film erzählt, dem wilden 1966, selbst erst zehn Jahre alt. Der Mann, der seinen 21. Geburtstag auf einem ABBA-Konzert gefeiert haben soll, nimmt nicht die Schaukelstuhl-Haltung des linksnostalgischen Rock-Opas ein, sondern erzählt mit der naiven Sehnsucht des Heile-Welt-Träumers, dem im Second-Hand-Plattenladen eine LP von Jimi Hendrix´ „Electric Ladyland“ zufällt und der an das erotische Versprechen des Covers glauben will. Dieses Gruppenfoto nackter Frauen zitiert der Film entsprechend in einer hübsch ironischen Einstellung.

Die Geschichte von „Radio Rock Revolution“ besitzt dabei einen realen Hintergrund: An einem Ostersonnabend des Jahres 1964 ging mit den Worten „This is Radio Caroline on 199, your all day music station“ der erste, damals illegale Privatsender des britischen Königreichs auf Sendung. Gegründet hatte ihn der irische Produzent Ronan O´Rahilly, der seine Musik weder bei Radio Luxemburg noch bei der drögen BBC unterbringen konnte, die damals nur zwei Stunden Pop pro Woche spielte – und der deswegen ein Sendeschiff unter panamesischer Flagge in die Nordsee entsandte.

So wurden die rockhungrigen jungen Briten, drei Meilen vor Essex, mit den Songs der Rolling Stones und der Small Faces, mit den Klängen von den Kinks und The Who versorgt. Angeblich hatte O`Rahilly seinen Piratensender nach der Kennedy-Tochter benannt, inspiriert von einem Foto, auf dem das Mädchen den Präsidenten im Oval Office bei der Arbeit störte – pure, kindliche Anarchie!

Richard Curtis nun beginnt seine Komödie, die von einem wunderbaren Soundtrack lebt, als Coming-of-Age-Story eines unbeleckten 19-jährigen Bubis (Tom Sturridge), der nach dem Schulrausschmiss zum schrägen Patenonkel Quentin (herrlich dandyesk: Bill Nighy) aufs Piratensenderschiff geschickt wird, wo sich ein wilder Haufen von DJs – der beste unter ihnen, „The Count“ genannt, wird von Philip Seymour Hoffmann gespielt – in einen lustvollen Privatkrieg mit dem schmallippigen Spießer-Minister Dormandy (Kenneth Branagh) verstrickt hat, der ihnen zwecks Wahrung der guten Sitten den Saft abdrehen will. Curtis inszeniert diesen Kampf um die musikalische Freiheit als Anekdotenreigen im 33 1/3-Takt, der letztlich viel zu lang geraten ist, manchmal in allzu putzigen Slapstick verfällt – aber doch in seinen besten Momenten wie eine spätinfantile Party von Altrockern, die ihre Anlage bis zum Anschlag aufdrehen, die Luftgitarre aktivieren und sich diebisch freuen, wenn die Nachbarn mit dem Besen unter die Decke klopfen.



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INHALT

Eine Handvoll Radiorebellen steht im Mittelpunkt der Musik- und Radiogeschichte in den Sechziger Jahren. Weil die BBC 1966 kaum Rockmusik sendet, legen die DJs des Piratensenders Radio Rock ihre Platten auf - mitten in der Nordsee, um nicht von der Regierung abgeschaltet zu werden, und mit einer gigantischen Fangemeinde.
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