KRITIK

Public Enemy No. 1 – Todestrieb

Public Enemy No Leider wird fälschlicherweise oft behauptet, dass französischen Filmen eine enervierende Dialoglastigkeit anhaftet. Viele hält dies auch vom Besuch eines französischen Krimis ab. In Deutschland wollten nur knapp 47.000 Besucher den ersten Teil der sehenswerten Jacques Mesrine Story sehen. Schade. Doch `Todestrieb`, Part 2 des franz. Biopics funktioniert auch, wenn man Teil 1 nicht gesehen hat. Und vielleicht sogar noch besser. Denn im zweiten Teil seines atemlosen Biopics über den Staatsfeind Mesrine wechselt Regisseur Jean-Francois Richet nicht nur die Tonalität: knallharter Krimi mutiert zum reflektiven psychologischen Thriller, sondern auch das Tempo: weg von den erschöpfend thematisierten Verbrechen des Edel-Gangsters hin zu einem schnelleren und kompakteren Polit-Thriller.

Mit-Drehbuchautor und Regisseur Richet nimmt den Faden der Geschichte im Jahr 1973 wieder auf. Es geht um die Jahre 1973 bis 1979. Dabei schließt Part 2 des Biopics nicht nahtlos an Teil 1 an aber nur wenige Monate später. Mesrine ist aus Kanada nach Frankreich zurückgekehrt. Aufgrund seiner zahllosen Verbrechen und seiner tolldreisten Fluchtpläne, mit denen er sich immer wieder der Staatsgewalt entzieht, jubelt ihn die französische Presse zum „Staatsfeind Nr. 1“ hoch – ein Titel, der Mesrine gefällt und den er nach Kräften untermauert.

Die politisch aufgeladenen Siebzigerjahre, in denen die RAF und die Roten Brigaden Europa mit Terror überzogen, nutzt Mesrine, um in deren Windschatten mitzusegeln. Er bezieht sich sogar direkt auf die RAF-Terroristen um Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Vor allem, weil er zudem in dem ebenso gerissenen wie politisch engagierten Mitstreiter Besse (Mathieu Amalric) einen Freund und Kollegen findet. Mesrine setzt sich auf seinem Feldzug nun auch mit politischen Motiven auseinander, ihm gelingt ein spektakulärer Fluchtversuch aus einer Verhandlung und wird insgesamt immer unangreifbarer und für die Presse immer interessanter. Als Regisseur Richet nahezu der Faszination von Gewalt und der Person Mesrine zu erliegen scheint – eine Wahrnehmung, die durch die Stilisierung der Figur zum Gentleman-Gangster durch die Protestkultur der siebziger Jahre begünstigt worden sein dürfte – und zeigt, wie sein Hauptdarsteller für seine Taten belohnt wird mit Reichtum, Macht und Sex mit Ludivine Sagnier, senkt sich der moralische Daumen spät (vielleicht zu spät) endgültig über ihm, nachdem er einen harmlosen Journalisten sinnlos ermordet.

Auch auf formaler Ebene ändert sich auch einiges: Tendieren Fortsetzungen in der Regel dazu, der strengen Regel „Größer, schneller, weiter“ zu folgen, ist es umso bemerkenswerter, dass Jean-François Richet und seine Mitarbeiter für den zweiten Teil ein visuelles Konzept entwickelt haben, das sich klar von dem des ersten Films unterscheidet. „Todestrieb“ wirkt in der Montage schneller und speziell in den Actionszenen komplexer. Beispielsweise werden die im Vergleich zu Teil 1 aufgepeppten Actionszenen mit vitalen Handkameraeinstellungen begleitet und es werden weiterhin im Vorbeigehen Krimi-Klassiker der 70er Jahre zitiert, beispielsweise durch eine feine Hommage an die legendäre U-Bahn-Verfolgungsjagd aus William Friedkins French Connection.

Untermauert wird diese kompaktere Gangart durch eine neue, die nächste Topriege französischer Filmstars, die hier auf die Leinwand tritt: Wie beispielsweise durch Bond-Bösewicht Mathieu Amalric (Ein Quantum Trost, München), der hier als Mesrines Ausbrecher-Kumpane Francois Besse überzeugt, Ludivine Sagnier (Swimming Pool, 8 Frauen), die als Femme Fatale ebenso famos überzeugt wie Cécile de France zuvor oder Olivier Gourmet (Lornas Schweigen), der den Kommissar charmant, aber hartnäckig gibt und sich für Mesrine als würdiger Gegenspieler erweist.

Weil jedem Besucher das Ende des Films klar ist (er endet wie er beginnt: mit einer uniformierten Grausamkeit zur Wahrung der Staatsräson) muss man sowohl diese filmische Klammer als auch das, was zwischen der Klammer gezeigt wird, besonders loben, weil es dem Team um Regisseur Richet inklusive hervorragender Filmmusik von Marco Beltrami gelungen ist, einen atmosphärisch noch spannenderen Thriller als den ersten Teil zu kreieren. Nicht nur aus diesem Grund wünscht man „Todestrieb“ bessere Besucherzahlen als dem episodenhaften ersten Teil.



Ähnliche Beiträge:

INHALT

1973. Nach seinen Eskapaden in Frankreich und Kanada ist Jacques Mesrine (Vincent Cassel) in seiner Heimat längst eine Legende. Die Grande Nation hält den Atem an. Die Medien haben ihn „Staatsfeind Nr. 1“ getauft. Lustvoll berichten sie von immer tollkühneren Raubzügen und Ausbrüchen aus angeblich hundertprozentig sicheren Gefängnissen, von regelrecht dreisten Spielen mit der Staatsgewalt und der Justiz, denen er nichts als Verachtung entgegenbringt. Im aufgeladenen Klima der Siebzigerjahre sieht sich Mesrine zunehmend als politisch Verfolgter und seine kaltblütigen Verbrechen als Weckruf für die gesamte Gesellschaft. Mit seinem Kompagnon Besse (Mathieu Almaric) und seiner Geliebten Sylvia (Ludvine Sagnier) foppt Mesrine die Behörden und zieht eine Spur der Zerstörung durch Frankreich. Obwohl er immer öfter brenzligen Situationen im letzten Augenblick entkommt, ahnt der Staatsfeind Nr. 1 nicht, dass sich die Schlinge um seinen Hals langsam immer mehr zusammenzieht. Gnade hat er nicht zu erwarten.
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*