KRITIK

Public Enemies

Public Enemies Jede Zeit hatte ihre großen Verbrecher und Hollywood ebenso große Gangster-Epen. Einerseits filmische Hommage an die Bösewichter, die sich erbitterte Kämpfe mit der Obrigkeit lieferten (was beim kleinen geknechteten Mann mitunter einiges an Sympathie ausgelöste), auf der anderen Seite kollektive Katharsis gegenüber dem Bösen schlechthin.

Die Frühzeit des Tonfilms, die 1930er und 40er Jahre, gehörte Schauspielern wie Edward G. Robinson und James Cagney. Gerade zu der Zeit war die Erinnerung an die Verbrechenswelle, die in den letzten Jahren der Prohibition (1919 – 1933) die USA regelrecht überrollte, mehr als lebendig. Aber auch in späteren Jahrzehnten blieb die Zeit der 1930er für die Filmemacher interessant und bescherte immer wieder herausragende Filme, wie „Bonnie und Clyde“ (1967), „Die Unbestechlichen“ (1987), und „Road to Perdition“ (2002), um nur ein paar zu nennen.

Eine Verbrecherfigur wurde im Volksmythos regelrecht verklärt: John Dillinger. Ihm haftete der Ruf an, ein moderner „Robin Hood“ zu sein und er war der erste, dem die Ehre zuteil wurde, von den US-Bundesbehörden zum Staatsfeind Nummer Eins erklärt zu werden. Regisseur Michael Mann hat sich nun John Dillingers Geschichte angenommen und widmet seinen neuesten Film dem letzten Jahr im Leben des meistgesuchten Verbrechers Anfang der 1930er Jahre.

Nachdem Dillinger (Johnny Depp) knapp neuen Jahre, wegen eines minderschweren Deliktes, im Gefängnis saß, wird er 1933 entlassen. Als Kleinganove inhaftiert, erhielt er im Strafvollzug eine erstklassige kriminelle Weihe und knüpfte Freundschaften fürs Leben. Seine erste Tat auf freien Fuß ist es auch seinen Gefolgsleuten zur Flucht zu verhelfen. Fortan machen sie gemeinsam das Land und die Banken unsicher. Ein großer Verbrecher braucht natürlich einen würdigen Gegenspieler und so setzt J. Edgar Hoover (Billy Crudup), Chef des Bureau of Investigation (Vorläufer des FBI), seinen besten Mann Melvin Purvis (Christian Bale) auf Dillinger und seine Gang an – und die tödliche Hatz beginnt.

Michael Mann ist sicherlich sowohl in Punkto Gangsterepos bewandert, wie auch im Thrillergenre zuhause: Ihm verdankt man eines der größten Duelle aller Zeiten, mit dem Aufeinandertreffen von Al Pacino und Robert de Niro in „Heat“, und mit „Collateral“ bewies er vor einigen Jahren, dass er auch einen atmosphärisch dichten Triller inszenieren kann. Das Gipfeltreffen der beiden Top-Stars Depp und Bale erlangt aber zu keiner Zeit die spürbare Manifestation zweier Spiegelbilder; zweier Menschen deren Grundnaturen die gleiche ist und die lediglich durch den Zufall auf entgegengesetzte Seiten verschlagen wurden. Derlei tiefen Psychogramme wie in „Heat“ sucht man bei „Public Enemies“ vergebens. Und Bale, dem schon „Dark Knight“ und „Terminator – Salvation“ die Show von einem Nebendarsteller gestohlen wurde, verlässt auch hier das Filmparkett ohne Lametta. Zu wenig Gelegenheit bekommt er, um seine Rolle und seine Figur vollends entfalten zu können. Stattdessen hält der knapp zweieinhalb Stunden lange Film sich mit erzählerischen Nebensächlichkeiten auf, wie dem romantischen, hölzern prüden, Liebegesäusel zwischen Dillinger und dessen großer Liebe Billie Frechette (Marion Cotillard).

„Public Enemies“ ist bereits die vierte Verfilmung, die sich dem Leben und den Taten John Dillingers widmet, und es gelingt ihr nicht neue Facetten hinzuzufügen. Im Gegenteil: Warum dieser Verbrecher vom Volke als moderner „Robin Hood“ verehrt wurde, wird weniger den je klar. Im klaren Kontrast zu der schwach inszenierten Grundgeschichte, stehen dafür die Actionsequenzen: Selten zuvor gab es Bilder mit solcher Plastizität, bleitriefende Orgien und Maschinengewehr-Stakkatos, die sich in die Köpfe hämmern, als wäre man unmittelbar dabei. Und die immer wieder mit bedacht eingesetzte Handkamera verstärkt dieses Gefühl noch. Es ist aber stark geschmacksabhängig, ob man in einem Gangsterepos unbedingt Bilder wie aus einer Hochglanz-Spieldoku sehen will und nicht immer erzeugt Bildverwackeln Intensität, es hat auch schon schlicht und ergreifend mal genervt.

Trotz toller Besetzung und eines großen Aufwandes bleibt „Public Enemies“ weit hinter den Erwartungen zurück. Es scheint sogar fraglich, ob Depp eine gute Wahl für die Verkörperung Dillingers war – er sieht ihm nicht mal ähnlich. Dort wo der Film hätte Punkten können, in der Ausarbeitung der bürokratischen Wirren um die Entstehung einer föderalen Bundespolizei, die über alle Bundesstaatengrenzen hinweg agieren kann, versagt er sogar völlig. Es bleiben 143 Minuten gezogene Hochglanzbilder-Langeweile durchsetzt mit bleihaltiger Luft.



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INHALT

USA in den 30er Jahren: Seine legendäre Raubzüge machten den jungen John Dillinger schnell zum meistgesuchten Mann auf der Fahndungsliste des damals noch jungen FBIs und zum Helden für einen großen Teil der unterdrückten, benachteiligten Bevölkerung in den Zeiten der Großen Depression in den USA. Niemand schien den charismatischen Dillinger und seine Gang stoppen zu können. Keine Gefängnismauer war hoch genug, um ihn zu halten, und sein dreister Charme machte ihn zum Helden, genauso für seine Freundin Billie Frechette, wie für viele Amerikaner, die in ihm einen gerechten Denkzettel für die Finanzwelt sahen, und Ursache für die Weltwirtschaftskrise war.Dillingers Gang, zu der später auch „Baby-Face" Nelson und Alvin Karpis gehörten, hielt die Menschen in Atem und gab dem ehrgeizigen J. Edgar Hoover auf der anderen Seite eine Chance, das FBI und dessen Macht auszubauen. Er ernannte Dillinger zu Amerikas erstem "Public Enemy" und schickte ihm mit Melvin Purvis den „Clark Gable des FBI" auf die Fersen. Zunächst spielten Dillinger und seine Gang nur mit Purvis Agenten und entkamen immer wieder in wilden Verfolgungsjagden oder Schießereien. Erst als ein paar ehemalige Revolverhelden ins Agenten-Team geholt wurden und es gelang, Dillingers Organisation durch Verräter wie die "Lady in Red" und den Gangsterboss Frank Nitti zu unterwandern, konnten Purvis und das FBI die Schlinge enger ziehen...
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Eure Kritiken zu Public Enemies

  1. Gerry80

    Nein, ein Meisterwerk wie „Heat“ ist der neue Michael Mann Film nicht. Aber dennoch brilliert Johnny Depp als cooler Bankräuber und alle Nebendarsteller geben sich große Mühe, neben ihm zu bestehen. Ein inszenatorisch guter und packender Thriller.

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