KRITIK

Prometheus – Dunkle Zeichen

Plakat zum Film PrometheusMonate vor dem Filmstart wurde die Erwartungshaltung der Science-Fiction-Fans mit atemberaubenden Teaser-Trailern, Setphotos und Drehbuchauszügen genährt. Das „Virale Marketing“ lief auf Hochtouren. Jede kleinste Information verbreitete sich in Windeseile im World Wide Web. Warum? Das Science-Fiction-Genre sollte neues Blut infundiert bekommen. Und ausgerechnet von Ridley Scott. Ausgerechnet von dem englischen Meisterregisseur, der nach 30 Jahren zum Science-Fiction-Genre zurückkehrt und der mit „Alien“ und „Blade Runner“ das Genre gleich zweimal revolutionierte. Kinos in Staaten, die auf Synchronisation verzichten, und damit Filme oft zeitnah mit dem US-Start in die Kinosäle bringen (können), freuten sich über zahlreiche ausländische Besucher in der Startwoche. Auch in den Niederlanden zum Beispiel, wo wir den Film in der OmU-Fassung sehen durften. Ein Ereignis, in jeglicher Hinsicht!

Bereits im Juli 2011 verkündete Ridley Scott seinen Fans, dass er mit „Prometheus“ an die erfolgreiche Alien-Reihe anknüpfen wolle. Und dass sein Film ein Prequel zu seinem Sci-Fi-Meisterwerk aus dem Jahre 1979 sei. Doch in dieser Expeditionsreise gehe es nicht um das zufällige und verhängnisvolle Zusammentreffen mit einer fremden Spezies, „Prometheus“ – in der griechischen Mythologie der Freund und Kulturstifter der Menschheit – sei „ein Forschungsraumschiff, das einen ganz bestimmten Planeten besucht„. Damit hatte Scott jedoch nur die halbe Wahrheit erzählt.

Ziel der mehrjährigen Reise, die im Film durch kleine filmische Kunstgriffe (Expeditionsteilnehmer „schlafen“ im Plexiglas-Sarkophag u.ä.) angedeutet wird, ist ein kleiner Planet am Rande des Universums. Auf diesem Planeten wird Leben vermutet. Beweise für diese These lieferte ein Wissenschaftler-Paar, Dr. Elizabeth Shaw und Charlie Holloway. Das Ehepaar hatte in zahlreichen Höhlenwanderungen auf Mutter Erde Zeichnungen an den Wänden gefunden, die auf eine ganz bestimmte Sternen-Konstellation hinweisen. Nette Randnotiz: Fans von Werner Herzogs´ „Cave of Forgotten Dreams“ werden einige Wandmalereien aus der Höhle in Südfrankreich im Film von Ridley Scott wiederfinden.

Der Entdecker und Visionär Peter Weyland (Guy Pearce) beauftragt das Wissenschaftler-Duo diesen „Einladungen“ nachzugehen. Organisiert und überwacht wird das kostspielige Unterfangen von Meredith Vickers (Charlize Theron), die ihre abenteuerlustige, achtköpfige Crew rund um Captain Janek (Idris`Luther` Elba) stets im sicheren und strengen Auge behält.

Szene aus dem Film PrometheusWas geschieht? Im Kern geht es bei „Prometheus“ um die Neugierde des Menschen als Form wissenschaftlicher Hybris. Eine „Gier“, die beispielsweise Sci-Fi-Fans mit all ihren Auswüchsen aus zahlreichen „Star Trek“-Folgen und -Filmen kennen dürften. Sie liefert bei Scott die Grundsubstanz für einen Plot, der zudem um die Fragen nach dem Sinn und dem Ursprung des Lebens kreist. Der Zuschauer, der sich auf die scott´sche Entdeckungsreiche begibt, wird zu Beginn anhand einer kleinen Exposition mit der möglichen neuen Spezies, die es in den nächsten 124 Minuten zu entdecken gilt, bekannt gemacht. Ein menschenähnliches Albino-Fabelwesen erstickt an einer Flüssigkeit am Rande eines Wasserfalls und fällt in die Fluten, in denen sich seine DNA aufzulösen scheint. Ist dies der Beginn der Menschheit? Ist es eine Metapher? Eine Allegorie? Die Entstehung des Homo Sapiens Sapiens? Der Film, so viel darf man verraten, beantwortet diese Fragen nicht.

Anders als in ähnlichen filmischen Beiträgen, die Fragen nach dem Sinn oder dem Ursprung des Lebens stellen (Terence Malicks „Tree of Life“ zum Beispiel) geht Ridley Scott, der auch am Drehbuch mitschrieb, ansonsten weit weniger allegorisch vor. Es gibt keine Dinosaurier, kein Blätterrauschen und keine sonnenumfluteten Strände. Die Motive, derer sich Scott bedient, sind wissenschaftlicher, nüchterner, plastischer, eher ein Kaleidoskop mit Blick zurück auf die Sci-Fi-Filmgeschichte: Es gibt eine Crew, ein Raumschiff, einen Auftrag, eine (Neu)Gier(de), ein Ziel und eine Reise. Alles bekannte Motive. Das Spiel mit den Urängsten (Tod, Enge, Hitze, Orientierungslosigkeit etc..), ansonsten ein beliebtes Stilmittel in einem Sci-Fi-Film, wird bei Scott „im Vorbeigehen“ abgehakt. So muss sich Doktor Shaw, die herausragend von der schwedischen Schauspielerin Noomi Rapace verkörpert wird, bei einer „Selbst-Operation“… (eine Szene, die in die Filmgeschichte eingehen wird). Und wie schon bei „Alien“ wird sich auch die Crew im „10-kleine-Abzählreim-Manier“ von den fremdartigen „Wesen“ des neuen Planeten dezimieren lassen. Versatzstücke, die man auch aus anderen Sci-Fi-Filmen kennt.

Szene aus dem Film PrometheusDer Zuschauer hatte die Crew zuvor in einer gemeinsamen Mannschaftssitzung kennengelernt. Es wird die einzige gemeinsame Sitzung bleiben. Ein Mannschaftsgefüge oder gar Zusammengehörigkeitsgefühl gibt es im Gegensatz zu anderen Filmen wie „Sunshine„, „Alien“ und Co. nicht. Die Darsteller werden zu Randfiguren einer gefährlichen Suche degradiert. Eine Suche, die vielleicht das Ende der Menschheit zur Folge haben könnte. Ein Crewmitglied, der Geologe Fifield (Sean Harris), bringt diese Tatsache zu Beginn treffend auf den Punkt: „Wir gehen auf die Suche nach einem Planeten, auf den in irgendeiner Wandmalerei in einer Höhle hingewiesen wurde?„. Mit diesem zusammenfassenden Satz liegt „Prometheus“ enger an „Armageddon„, „The Core“ oder „Sunshine“ als an „2001 – Odyssee im Weltraum“ oder „Solaris“. Sei´s drum.

Warum ist der Film dennoch sehenswert? Es liegt am Zusammenspiel dreier Komponenten: Zum einen ist „Prometheus“ – wie nicht anders von Ridley Scott zu erwarten – visuell berauschend. Das Production Design von Arthur Max, die Ausleuchtung, die computergenerierten Landschaften, vor allem die kolossalen Bauwerke der „Engineers“ auf dem Planeten, eingefangen vom Kameramann Dariusz Wolski „beamen“ den Zuschauer gekonnt in eine andere, spannende Welt. Es ist schier unmöglich, die Augen von der Leinwand abzuwenden. Eine derartige Immersion gelingt nur nur wenigen Filmemachern so vorzüglich. Wer die 3D-Brille dennoch von der Nase nimmt, der erkennt die hohe Qualität der durchweg mit der 3D-Kamera (Weta-Digital) aufgenommenen Bilder. Dadurch erhalten die Aufnahmen eine Plastizität, die im Zusammenspiel von der Enge des Raumschiffes mit der Weite der Weltalls bzw. des Planeten einen echten Mehrwert generieren. Formal ästethisch vermisst man in diesem Film vielleicht nur die klaustrophobischen Klänge von Jerry Goldsmith. Marc Streitenfelds Musik ist um einiges aufdringlicher.

Szene aus dem Film PrometheusZum zweiten sollte man sich den Film allein wegen der darstellerischen Leistung von Michael Fassbender ansehen. Der britische Schauspieler verkörpert (mit seidenem Teint und zurückhaltendem Furor) einen Androiden, einen allwissenden HAL-9000-ähnlichen Menschenroboter, der zahlreiche Figuren aus dem reichhaltigen Sci-Fi-Fundus in sich vereint. Nicht zuletzt Figuren wie „Gigolo Joe“ aus Steven Spielbergs „A.I.“, die Replikantin Rachel in Scotts Meisterwerk „Blade Runner“ oder die Figur „Data“ aus der „Star Trek: Next Generation“-Fernsehserie.

Zu guter letzt ist Noomi Rapace, die gottesgläubige Archäologin mit der durchschlagenden Physis nach ihrer rotzfrechen Lisbeth Salander in den Stieg-Larsson-Verfilmungen genau die richtige Besetzung für Elizabeth Shaw. Sie bringt die perfekte Balance aus Verletzlichkeit, Mut, Willen und Durchsetzungsvermögen mit, die für diese Figur so wichtig ist. Sie fungiert als wichtiges Bindeglied zwischen Mannschaft, Replikanten und Auftraggebern. Ein wichtiges Unterfangen, wenn man wie erwähnt im Kopf behält, dass die Handlung wegen des losen Mannschaftsgefüges an einigen Stellen wie gerafft wirkt und somit die Handlungsweisen der Darsteller auf stereotype Gesten dezimiert wurde.

Das Drehbuch von Jon Spaihts, Damon Lindelof und Ridley Scott zitiert in Punkto Charaktere und Dialoge zahlreiche Science-Fiction-Vorgänger. Das ist nicht schlimm, würde sich die modernisierte Inszenierung nicht so sehr den Konventionen des Genres beugen, dass es ächzt und kracht. Die Folge: eine schnelle Schnitt- und Actionfolge, die zu Lasten einer nachvollziehbaren Charakterentwicklung geht. Das wird die Fans enttäuschen. Dennoch gehen zahlreiche Einstellungen unter die Haut und bleiben länger haften. Auch Dank der überzeugenden Leistungen der Darsteller. Die kurzweiligen 124 Filmminuten vergehen wie im Fluge, Fragen werden gestellt und bieten Raum für Diskussionen. Zudem verspricht die letzte Einstellung ein weiteres Abenteuer, für das sich bereits James Cameron angemeldet hat. Wenn man dieses Abenteuer kaum abwarten kann, hat ein Film wenig falsch gemacht. Auch wenn er nicht das Prädikat „herausragend“ trägt.

  



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