KRITIK

Precious – Das Leben ist kostbar

Precious - Das Leben ist kostbar „Ich stehe bis zum Hals in der Scheiße, aber der Ausblick ist gut“ – diesen denkwürdigen Dialogsatz aus dem wunderbaren Skript zu Dani Levys „Alles auf Zucker“ würde Claireece Precious Jones sofort unterschreiben, zumindest die erste Hälfte, an der zweiten arbeitet sie noch. Mehrfach vergewaltigt vom brutalen Vater, hat ihm die 16-jährige Schwarze mit dem kostbaren Namen zwei Kinder ausgetragen, ist gestraft mit einer gewalttätigen, herumkommandierenden Mutter, kann weder lesen noch schreiben. Sie als nur vollschlank zu beschreiben, würde ihrem Körperumfang lediglich zu einem Bruchteil gerecht werden. Die Klitsche, in der sie mit ihrer dumpfen Mutter haust – der Vater hat das Weite gesucht, die Kinder sind bei der Oma untergebracht – sieht kaum einmal das Tageslicht, es würde nur den Fernsehkonsum der vor sich hin grantelnden Schreckschraube beeinträchtigen.

Anders als „A Serious Man“, der sich auf den schleichenden Weg in die Hölle macht, sind wir mit „Precious“ dort längst angekommen. In einer abgewirtschafteten Ecke von Harlem, in dem die Sozialhilfe der einzige Anker vor der völligen Verwahrlosung bedeutet und auch die Lebenslaufbahn von Precious vorgezeichnet scheint. Aber das Mädchen besitzt einen gewissen Stolz und Überlebenswillen, der den Horizont der Mutter übersteigt, mitunter selbst ihren eigenen – als sie bei einem staatlichen Bildungsprogramm widerwillig lernt, ein wenig Verantwortung zu übernehmen und über ihren Schatten zu springen. Der tägliche Kampf um eine kleine Portion mehr Selbstwertgefühl treibt diesen Film an, der eindeutige Sympathien für Precious entgegenbringt, aber auch Widersprüche zulässt. Der kein Sozialmärchen oder eine ähnlich gelagerte Utopie vom wundersamen Aufstieg eines gefallenen Mädchens beschreibt, sondern eine ungemein kraftvolle Selbstbehauptung – against all odds – nachzeichnet, die einen trotz aller Tristesse unmittelbar packt und bis zum Abspann keinen Deut mehr loslässt.

Vieles wurde schon geschrieben und gesagt über die Darsteller in diesem Film, der mit sechs Oscarnominierungen und zwei Oscars zu den Highlights der Saison gehört, und alles davon ist wahr. Sowohl die Newcomerin Gabourey Sidibe in der Titelrolle als auch Mo`nique als ihre zeternde Mutter sind wahre Naturgewalten auf den Leinwand, die ihr Psychoduell mit einer selten gesehenen Intensität austragen. Doch gerade die leiseren Nebenrollen, die ungewohnt unglamourösen Auftritte von Mariah Carey und Lenny Kravitz sowie die warmherzige Performance von Paula Patton als nimmermüde Lehrerin, machen „Precious“ zu einem der stärksten Schauspielerfilme seit langem.



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INHALT

New York, Harlem, 1987. Precious ist eine übergewichtige Teenagerin, die vom Leben arg gebeutelt wird. Vom Vater vergewaltigt, von der Mutter misshandelt, flüchtet sich die 16-Jährige in Tagträume, die ein besseres Leben verheißen. Das ist allerdings weit entfernt. Obwohl schon in der neunten Klasse, kann das Mädchen weder lesen noch schreiben. Als Precious von der Schule zu fliegen droht, schließt sie sich einem alternativen Lehrprogramm an und stößt auf eine verständnisvolle Lehrerin. Die entdeckt das kreative Potenzial ihrer Schülerin.
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Eure Kritiken zu Precious – Das Leben ist kostbar

  1. Alina

    Ich durfte den Film schon inner Preview sehen, ist ganz schön hart. Aber auf jeden Fall sehenswert, mit beeindruckenden Schauspielerinnen. Ich würde den Film allen Freundinnen empfehlen.

  2. nina1

    Ein unglaublicher, schonungsloser Film. Die Schilderungen sind schrecklich und doch nicht hoffnungslos. Eine Empfehlung, auf jeden Fall!

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