KRITIK

Praia do futuro

Plakat_PraiaWenn es in Karim Ainouz introvertiertem Beitrag so etwas wie Tiefe gibt, ist es die des Wassers, in dem der emotional zerrissene Donato, Hauptfigur des Films,  sich geborgen fühlt. Die meditative Studie über Entwurzelung und Neuorientierung verharrt anders als das männliche Figuren-Trio stur an der Oberfläche der Themen, denen sie auf den Grund zu gehen vorgibt.

Das Leitmotiv definiert die viszerale Eröffnungsszene. Zu pulsierender Rockmusik jagen zwei Motorradfahrer über den Strand einer südamerikanischen Großstadt. Wie im Duell stürzen sie sich in die raue See und schwimmen hinaus, bis es einen von ihnen nach unten zieht. Was inmitten von Gischt, Wasser und verschlungenen Leibern geschieht, verschleiern die ruckartigen Kamerabilder. Es könnte eine Balgerei sein, ein Todeskampf, sogar ein roher Liebesakt. Erst sind zwei Männer im Wasser, dann drei, dann nur noch einer: Donato, (Wagner Moura), der vergeblich versucht hat, einen der Schwimmer vor dem Ertrinken zu retten. Die anfängliche Suspense-Szene täuscht. Was folgt ist eine brüchige Coming-of-Age-Story voll gestelzter Gleichnisse und schwuler Sex-Szenen, die auf das Publikum augenscheinlich irritierender wirken als die heterosexuellen Eskapaden in Nymphomaniac.

Der Untergegangene ist der erste, den Rettungsschwimmer Donato an die See verloren hat. Das Erlebnis zieht den physisch robusten Hauptcharakter sichtlich runter, bis zu jenen Kalamitäten, die er tief in sein Unterbewusstsein verdrängt hat. Nach außen hin klammert sich Donato an das Image des Helden, der er für seinen kleinen Bruder (Savio Ygor Ramos) ist. Ayrton fürchtet den Ozean und spielt Donato sei der unerschrockene Aquaman.

Bild (c) Berlinale.

Bild (c) Berlinale.

Der Superheld kann Meerestiere kontrollieren und unter Wasser atmen, Donato hingegen erstickt sinnbildlich an Land in seiner Heimatstadt Fortaleza, wo der titelgebende Strand liegt. Als Grund dafür implizieren der brasilianische Regisseur und sein Co-Drehbuchautor Felipe Braganca die Intoleranz des patriarchalischen Umfelds, in dem Donato seine Homosexualität nicht frei ausleben kann. Unmittelbar bewusst macht ihm diese Repression die hitzige Affäre mit dem unversehrten Schwimmer Konrad (Clemens Schick). Dessen Suche nach dem vermissten Reise- und womöglich Lebenspartner, den die Fluten nicht wiedergeben wollen, endet bei Donato. Er überbringt dem Kriegsveteran die Nachricht vom anzunehmenden Tod des Freundes, dessen Platz an Konrads Seite er bald einnimmt. Gemeinsam gehen das Paar nach Berlin, wo Donato sich erneut als Außenseiter erlebt. Fühlte er sich daheim in den Männerbünden, zu denen der Rettungsschwimmverein gehörte, nie vollkommen zugehörig, vermitteln ihm die fremde Sprache, Witterung und Topographie ein Gefühl der Haltlosigkeit. Die bildhaften Zwischentitel, die den minimalistischen Plot in drei Kapitel teilen, nehmen direkten Bezug auf die psychische Ambivalenz.

„Ein zweigeteilter Held“ ist Aquaman und „Ein Geist, der Deutsch spricht“; solange, bis er am Scheideweg des Lebens eine der beiden Richtungen wählt, die unterschiedliche physische Bedürfnisses zulassen und verwehren. An Fortalezas Praia do futuro kann Donato physisch frei sein, in Berlin sexuell. Die ohnehin unterentwickelte Beziehungsstudie lässt Ainouz an diesem kritischen Punkt durch eine Interimslösung bis an die Grenze des Stillstands stagnieren.

Zeitweise glätten sich die Wogen, doch unter der nahezu unbeweglichen Oberfläche liegt die seelisches Kluft, die Donato mit Sex überbrückt. „Nicht so traurig sein, Brasilianer„, tröstet ihn eine Barfrau, „alles wird gut, wenn die Zukunft kommt.“ Das tut sie eines Tages unverhofft in Gestalt des inzwischen jugendlichen Ayrton. Dessen stürmisches Temperament, schwankend zwischen Sehnsucht nach dem Bruder und Wut über dessen buchstäbliches Untertauchen, erinnert den unschlüssigen Protagonisten an seine Wurzeln: die familiären, nationalen und der verdrängten Ängste, denen er sich letztendlich stellen muss.

Der Mensch sei beweglich wie das Wattenmeer und nicht aufgewühlt wie der Ozean, lehrt die spröde Identitätssuche, in der es wider besserer Ansätze niemals mehr Tiefgang gibt – nur mehr Meer.

 

 



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