KRITIK

Poll

Poll Mit der beeindruckenden Klavier-und-Knast-Geschichte „Vier Minuten“ mit Hannah Herzsprung und der verstorbenen Monica Bleibtreu in den Hauptrollen ist Regisseur Chris Kraus 2007 der Durchbruch gelungen. Mit diesem Erfolg im Rücken konnte er nun sein Wunschprojekt verfilmen: „Poll“ erzählt eine fiktive Fantasie aus dem prägenden Sommer in der Jugend von Oda Schaefer. Die Dichterin, Kraus´ Großtante (wie er auf seiner Recherche zum Film herausfand), war von seiner konservativen Familie lange als linker Störenfried verfemt worden.

Man schreibt das Jahr 1914, am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Schauplatz ist der Gutshof Poll an der Küste Estlands, wo der wilhelministische Adel stilvoll der Dekadenz anheimfällt, während zaristische Soldaten Jagd auf estnische Anarchisten machen. Odas Vater (klasse: Edgar Selge) ist ein Sonderling von Neurologe, der zwischen konservierten Embryonen und Hirnhälften herumgeistert, proto-nazistischen Rassentheorien anhängt und tote Anarchisten zersägt.

Seine schöne Frau (Jeanette Hain) betrügt ihn, der Rest des Ostsee-Adels erinnert mit seinem Leinenanzug-Luxus an Thomas Manns Romanpersonal. Die 14-jährige Oda entwindet sich dieser Stillstandsgesellschaft, indem sie einen estnischen Widerstandskämpfer auf dem Dachboden versteckt, von dem sie in Lyrik, Freidenkertum und (platonischer) Liebe belehrt wird – bis der Krieg sehr tragisch vor der Tür steht.

Erstaunlich (für deutsches Kino) ist die Bilderwucht, mit der Kraus hier zu Werke geht. Alles ist pompös, pathetisch, auf Größe bedacht. Allein sein zentraler Schauplatz, ein auf Stelzen ins Meer gebautes Haus (extra für diesen Film angefertigt), ist eine Schau für sich und wird immer wieder mit elegischen Kamerafahrten umkreist.

Doch „Poll“ übertreibt es bisweilen: Wenn jede Einstellung auf symbolischen Mehrwert pocht und dazu penetrant die Geigen schallern (Musik erneut von Annette Focks), neutralisiert sich jede Metaphorik. Odas Selbstfindung geht unter. Ihre Darstellerin indes, Paula Beer, ist eine Entdeckung für den deutschen Film.

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INHALT

Die junge, künstlerisch hochbegabte Oda von Siering erlebt das Ende einer Epoche: Im Sommer 1914, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, steht der Zerfall des deutsch geprägten, zum russischen Kaiserreich gehörenden Baltikums unmittelbar bevor. Ein Zerfall, der Odas Leben, ihre aristokratische Familie und alle Gewissheiten bedroht - und der sie dennoch zu ihrem Glück zwingt. Die Begegnung mit einem estnischen Anarchisten und Schriftsteller wird Odas Schicksal bestimmen.
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Eure Kritiken zu Poll

  1. Udo

    Ein Haus auf Stelzen, was für eine Ausstattung. Chris Kraus findet beeindruckende Bilder für sein Zeitportrait. Die überzeugenden Darsteller flankieren das Gezeigte und die atmosphärische Dichte rundet das Ganz ab. Ein toller deutscher Spielfilm.

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