KRITIK

Passion Christi, Die

Passion Christi, Die Die letzten zwölf Stunden im Leben des Jesus von Nazreth, komprimiert auf gut zwei Stunden Film. Was in den 20er bis 70er Jahren (König der Könige, Evangelium, etc.) vielen anderen Regisseuren (durch unprofessionelle Vorbereitung und Ausstattung) nicht gelingen wollte, versucht nun ein Schauspieler, Hollywood-Actionstar Mel Gibson. Die Zeiten haben sich geändert, Schauspieler-Gehälter auch. Ein bekannter Hollywood-Star verdient heute weit mehr als ein Schauspieler in den 70ern. Die Gagen für einen Film sind expoldiert. 20 Tausend Dollar pro Film gab es etwa vor 30 Jahren, 20 Million Dollar und mehr sind heute keine Seltenheit. So ist nun jeder Darsteller der sog. 20-Mio-Dollar-Liga in der Lage, einen Film mit einem Budget von 25 Millionen Dollar auf die Beine zu stellen und damit einen abendfüllenden Unterhaltungsfilm zu produzieren. Mit welchem Antrieb auch immer.

Mit persönlicher Passion und Authentizität in Sprache, Ausstattung, Schauplatz und Gewaltdarstellung erzählt nun der fast fünfzig jährige Australier Gibson „seine Leidensgeschichte“ Christi. Eine mutige Tat, die bereits vor dem Kinostart für so viel Medienpräsenz gesorgt hat, dass eine objektive Bewertung des Werkes kaum mehr möglich schien. Es konnte nur – wie im alten Rom – Daumen hoch oder Daumen runter als Antwort geben. An eine fundierte Auseinandersetzung war nicht zu denken. Gibson, der mehrfach betont hat, dass sein Film eine „christliche Überzeugungstat“ aus einer schöpferischen Krise darstellt, verlässt sich dabei voll und ganz auf die Aura und das mythische Potenzial seines Stoffes. Doch in der Kunst der filmischen Darstellung versagt er hier auf der ganzen Linie.

Die Frage lautet dabei nicht ob der Film antisemitisch ist oder nicht (antijüdische Tendenzen dürfte hier jeder Kinogänger erkennen), die Frage lautet viel mehr, was soll dieser Pseudo-Realismus, was soll diese Illustration der Gewalt, die keinerlei Mehrwert außerhalb ihrer selbst bietet?
Zwei Stunden lang muss der Zuschauer mit ansehen, wie ein Mensch verhöhnt, verprügelt, ausgepeitscht und erniedrigt wird, so dass die Kreuzigung wie eine Erlösung erscheint – das ist erzwungener Voyeurismus, fast schon filmischer Sadomasochismus. Worin, so fragt man sich spätestens bei der Auspeitschung – mag Gibson den Sinn gesehen haben, seinen Film mit so vielen Splatter-Szenen zu füllen?

Alles, wovon der Film erzählt, ist Hass, Gewalt und Menschenverachtung, die Darstellung entwickelt sich mehr und mehr zu einer unappetitlichen Gewaltpornografie. Die Dialoge spielen hier so gut wie keine Rolle – ganz wie bei einem richtigen Porno. Wo liegt also der Antrieb Gibsons? Darin, authentisch zu sein … oder vielleicht von den narrativen Schwächen abzulenken? Zu diesen gesellen sich im Verlauf auch noch inszenatorische. Nach Gibsons Anweisung fängt die Kamera unter Leitung von Caleb Deschanel die Bilder des Leidens ein. Fast schon voyeuristisch nähert sich der Blick den Verwundungen und Wunden des Gefolterten, ganz so, als könne auf diese Weise das Leid noch besser verdeutlicht werden. Ansonsten dümpelt die Optik zwischen rein dokumentierendem Zeigen und Slow-Motion-Aufnahmen zum Hinweis auf bedeutsame Details – leider die einzige visuelle Finesse, die Die Passion Christi anzubieten hat.

Nein, der Cineast sieht es wie ein Kollege und bedient sich dessen Worte: „Dem kritischen, eher cineastisch als religös motiviertem Kinogänger drängt sich schnell der Verdacht auf, dass sich hinter der Erzählung und den Splatter-Effekten ein naiver, uninspirierter Film eines wohlhabenden Kirchgängers verbirgt, der glaubte, dass allein der Wille Berge versetzen kann.“ Oder mit wenigen Worten: Das Buch war einfach besser!



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INHALT

Die letzten zwölf Stunden im Leben des Jesus von Nazareth. Nach dem Abendmahl begibt sich Jesus in den Garten Gethsemane, um dort zu beten. Tief in sich gekehrt, erscheint ihm Satan und Jesus erfährt eine Vision dessen, was ihm in den kommenden Stunden widerfahren wird. Doch er widersteht der Versuchung des Bösen. Verraten von seinem Jünger Judas Ischariot wird Jesus kurze Zeit später festgenommen. Die Anführer der Pharisäer bezichtigen ihn der Gotteslästerung und verlangen seinen Tod.
Jesus wird dem römischen Statthalter in Palästina, Pontius Pilatus, vorgeführt. Dieser hört sich die vorgebrachten Anschuldigungen an und erkennt schnell, dass es sich hier um einen politischen Konflikt handelt. Um einer Entscheidung aus dem Weg zu gehen, übergibt Pilatus die Angelegenheit an König Herodes. Auch dieser scheut ein Urteil und lässt Jesus zum Statthalter zurückbringen.
Pontius Pilatus überlässt es nun der aufgebrachten Menge Jerusalems, offen zwischen dem Angeklagten Jesus von Nazareth und dem Verbrecher Barrabas zu entscheiden, welcher der beiden begnadigt werden soll. Das Volk entscheidet sich für Barrabas. Jesus wird den römischen Soldaten übergeben und von ihnen gefoltert. Schwer verwundet wird er wieder zu Pilatus gebracht, der ihn erneut der Menge vorführt als wolle er sagen: „Ist dies nicht genug?“ Und abermals entzieht er sich dieser Verantwortung: Er befiehlt schließlich seinen Männern, dem Verlangen der Massen nachzugeben, die weiterhin den Tod Jesu fordern. Der weitere Leidensweg ist besiegelt: Jesus muss selbst das Kreuz durch die Straßen von Jerusalem bis nach Golgatha tragen. Dort wird er schließlich an das Kreuz geschlagen. Im Angesicht des Todes stellt sich Jesus seiner letzten Versuchung: der Angst, von seinem Vater aufgegeben worden zu sein.
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Eure Kritiken zu Passion Christi, Die

  1. Udo

    Allen Unkenrufen zum Trotz…. fand ich den Film sehr ergreifend. Jeder, der glaubt, sollte sich den Film einmal anschauen..

  2. Geistreich

    Der Film ist in seiner ganzen authentischen darstellung und der geschickt gewählten Mittel ein Meisterwerk. Nicht mehr und nicht weniger.

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