KRITIK

Oh Boy

Plkt zum Film Oh BoProlog. Die Kamera steht im Flur einer Berliner Altbauwohnung. Mit Blick in das Schlafzimmer. Auf dem Bett sind verdeckt vom Türausschnitt noch zwei Frauenbeine zu erkennen. Sie gehören Katharina Schüttler. Die Kamera rollt auf dem Dolly heran. Eine zweite Person rückt ins Bild, es ist Tom Schilling, der gerade im Begriff ist zu gehen. Katharina Schüttler, die im Film „Elli“ genannt wird, versucht Tom Schilling, der im Debüt von Jan Ole Gerster Nico Fischer heißt, zum Bleiben zu überreden. „Ich habe noch tausend Dinge zu erledigen“ erwidert Nico seiner Ex-Freundin (was der Zuschauer erst später erfahren wird). Nico setzt sich trotzdem noch einmal auf das Bett. Elli fragt: „Was hast Du denn zu erledigen“. Die Kamera bleibt in Nicos ahnungslosen Augen haften. Der Filmtitel erscheint auf der Leinwand: Oh Boy.

Ein gutes Buch erkennst Du bereits nach den ersten zehn Seiten“ hatte eine bekannte Literaturkritikerin mal gesagt. Ließe sich das vielleicht auch auf die ersten Szenen eines Films übertragen? Dann dürfte bereits diese schöne Szene ähnlich Wertvolles ankündigen. Zumindest sollte sie jedes männliche Cineasten-Herz erwärmen: Truffaut, Nichols („The Graduate“), Tragik, Komik, Bedauern, Verlust und Aufbruch, all jene Facetten einer jungen Beziehung, untergebracht in nur einer Szene. Wunderbar! Und es kommt noch besser.

Nico ist das, was Richard Linklater in seinem gleichnamigen Film einst einen „Slacker“ nannte, ein junger Herumtreiber. Obwohl – er kennt sich mit Jura aus, weil er das Fach mal irgendwann studiert hat. Das beweist gleich die nächste Szene, eine Art Verhör mit einem Psychologen in einem kargen Büro des Berliner Straßenverkehrsamtes. Auf die Frage des Beamten, was er zur Zeit mache, antwortet Nico: „Ich bin dabei, mich neu zu orientieren.“ Doch das ist nur die halbe Wahrheit. In Wirklichkeit weiß Nico zur Zeit nur wenig bis garnichts mit seinem Leben anzufangen. So streift er durch die Stadt, hat verschiedene Begegnungen, mit einem Nachbarn, auf einem Filmset und bei einer Offtheater-Performance.

Will man dafür einen filmischen Begriff finden, scheint vielleicht „Episodendrama“ die passende Schublade für Nicos Suche zu sein. Und was sucht er? Eigentlich will er nur einen guten Kaffee. Doch es geht natürlich nicht wirklich nur um eine Tasse Kaffee… Das Drama verdichtet sich, als Nico einen Termin mit seinem Vater hat. Dieser hat ihm kurz zuvor die monatliche Unterstützungen von 1000,- Euro eingestellt. Ulrich Noethen brilliert an diesem Wegpunkt (wie übrigens fast alle Weggefährten auf Nicos Reise durch Berlin in ihren Rollen brillieren) als gestresstes, duellier-süchtiges Rechtsanwalts-Arschloch mit kaum mehr vorhandener väterlicher Verantwortung.

Nico wird dieses Duell verlieren. Wie so viele weitere im Verlauf des Films. Zum Beispiel das mit seinem „Freund“ (Marc Hosemann), einem talentierten Schauspieler mit fehlender Courage, mit einem jugendlichen Straßengangster (Frederick Lau) oder das Duell mit der ehemaligen Schulkameradin Julika (Friederike Kempter), die er wegen ihres Übergewichts einst „Schwulika“ nannte und die jetzt gertenschlank vor ihm auf der Bühne eines Off-Theaters eine mehr oder weniger beeindruckende Performance hinlegt.

Szene aus dem Film Oh BoyMit „Ein Film sollte immer persönlich sein, er darf aber nie privat sein“ wird der junge Regisseur Jan Ole Gerster auf die oft gestellte Frage nach den Parallelen zu seinem eigenen Leben immer wieder zitiert. Sollte man deshalb diese filmische Beichte bedauern? Vielleicht. Sein Alter Ego, die Figur Nico Fischer, hat durchaus etwas Tragisches. Dennoch ist der Film stellenweise urkomisch. Er jongliert perfekt mit den Ingredienzien der Tragikomödie, einzelne Szenen haben gar die Qualität perfekt ausbalancierter Sketche, inklusive pointierter Dialoge und offenem Ende. Einen großen Anteil am Gelingen daran hat die schauspielerische Raffinesse von Tom Schilling. Der „ewige Jugendliche“ („Napola“), mittlerweile auch über 30, gibt den jungen Drifter Nico so überzeugend teilnahmslos und abwesend, dass sich sonstige Scene-Stealer vom Format eines Justus von Dohnany, Ulrich Noethen oder (in einer der schönsten Szenen des Films) Michael Gwisdek die Zähne an Nico Fischer ausbeißen.

Den perfekten Rahmen für diese tragikomische Tour bilden aber nicht nur die hervorragend besetzten Weggefährten, sondern vor allem die hervorragende Kamera von Philipp Kirsamer, dem es in kräftigen Schwarz/Weiß-Tönen immer wieder gelingt, ein ganz neues Berlin jenseits oft gezeigter Hipster-Romantik zu zeigen, oder der perfekte Schnitt von Anja Siemens, der dafür sorgt, dass das Episodenhafte nie unrythmisch wirkt. Unterlegt wird diese neue, mutige filmische Reise durch die hervorragenden, zurückhaltenden Klangteppiche der jungen Jazz-Formation „Major-Minor“, die aus „Oh Boy“ eine perfekte (filmische) Jazz-Improvisation machen, nie zu aufdringlich, mit zahlreichen Glanzlichtern, klug, verspielt, abseits jeglicher Larmoyanz und extrem leicht im Abgang. Klasse! Nicht verpassen!



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INHALT

"Kennst du das Gefühl, dass dir die Leute um dich herum merkwürdig erscheinen? Und je länger du darüber nachdenkst, desto klarer wird dir, dass nicht die Leute sondern du selbst das Problem bist?" Niko ist Ende zwanzig und hat vor einiger Zeit seinem Studium ade gesagt. Seitdem lebt er in den Tag hinein, driftet schlaflos durch die Straßen seiner Stadt und wundert sich über die Menschen seiner Umgebung. Niko ist ein Flaneur und Zuhörer, dem die Menschen ihre Geschichten erzählen. Mit stiller Neugier beobachtet er sie bei der Bewältigung des täglichen Lebens. Bis zu diesem turbulenten Tag: Seine Freundin zieht einen Schlussstrich, sein Vater dreht ihm den Geldhahn zu und ein Psychologe attestiert ihm "emotionale Unausgeglichenheit". Eine sonderbare Schönheit namens Julika konfrontiert ihn mit den Wunden der gemeinsamen Vergangenheit, sein neuer Nachbar schüttet ihm bei Schnaps und Buletten sein Herz aus und in der ganzen Stadt scheint es keinen "normalen" Kaffee mehr zu geben. Sollte Niko nach diesem Tag wirklich seine "Komfortzone" verlassen und sein Leben ändern? Kriegt er am Ende vielleicht Julika? Und sogar die heißersehnte Tasse Kaffee?
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