KRITIK

Odette Toulemonde

Als sie ihrem Idol bei einer Autogrammstunde das erste Mal begegnet, ist sie zu nervös, um ihren eigenen Namen vollständig herauszubringen. Also signiert der berühmte Herzschmerz-Bestsellerautor Balthazar Balsan das Buch für „Dette“. Doch Odette Toulemonde, wie die herzensgute Kosmetikverkäuferin in reiferen Jahren heißt, soll bald noch Gelegenheit bekommen, sich mit dem gut aussehenden Schriftsteller näher bekannt zu machen. Balsans Erfolgs-Stern stürzt nämlich ab, weil ein einflussreicher Rezensent ihn im Fernsehen nach allen Regeln der Kunst verhöhnt. Ha! Niemals die Macht des Kritikers unterschätzen.

Bloß Odette zweifelt keine Sekunde und schreibt dem Gebeutelten einen glühenden Verehrerinnen-Brief. Der von Ruhm, Frau und Hoffnung verlassene Balthazar ist derart bewegt, dass er bald bei Odette vor der Tür steht, um emotional wieder vollzutanken. Eine von vielen Volten, die nicht mal im Märchen, wie es der Kunstgewerbler Eric-Emmanuel Schmitt („Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“) hier erzählt, Plausibilität besitzen.

Der böse Kritiker sagt einen schönen Satz, nach der Erklärung für die Millionen-Auflage des Schmonzetten-Schreibers Balsan gefragt: „Auch die geistig Armen brauchen einen Helden.“ Oder eben eine Heldin. Eine wie Odette Toulemonde, diese Frau Jedermann, die einem hier als rührend schlichte, lebenskluge und schützenswerte Witwe mit schwulem Sohn und arbeitsloser Tochter vorgeführt wird – und stellvertretend das Recht der „kleinen Leute“ auf ihr bisschen Weltflucht verteidigen soll.

Wo immer aber die Anwaltschaft für die grauen Mäuse behauptet wird, Beispiel Bild-Zeitung, kann man gar nicht vorsichtig genug sein. Auch Onkel Schmitt erzählt sein Kinodebüt aus einer Warte, die arroganter kaum sein könnte – bemäntelt als Feier des Kitsches. „Odette“ hinterlässt, Zitat Wiglaf Droste aus anderem Zusammenhang, „ein Gefühl wie die warme feuchte Hand eines Fremden, die sich ungefragt auf deinen Oberschenkel legt“.



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INHALT

Odette Toulemonde verschlingt jeden Roman ihres Helden Balthazar Balsan und schwelgt zu jeder sich bietenden Gelegenheit in ihren Lieblingsstellen seiner Bücher. Zwischen dem desillusionierenden Job in der Kaufhaus-Kosmetikabteilung und der destruktiven „Resttätigkeit“ als Hausfrau und Mutter sind die Zeilen die leichte Flucht in eine andere Welt. Kein Wunder, dass Odette, die sich als größten Fan Balsans begreift, einem potenziellen Treffen mit ihrem Liebling in der örtlichen Buchhandlung über Wochen entgegenfiebert. Doch als der große Augenblick für die Mittvierzigerin endlich da ist, endet er im Fiasko; nicht einmal ihren Namen konnte sie für die Buchwidmung richtig aussprechen. Um sich wieder ohne Scham im Spiegel betrachten zu können, schreibt sich Odette alles von der Seele, was sie dem Schriftsteller sagen wollte, schickt den Brief an Balsan und hofft, dass dieser dadurch ein besseres Bild von ihr bekommt. Der etwas blasierte Egozentriker, der dem Vorfall nie wirklich Beachtung schenkte, hätte unter normalen Umständen auch diesen Brief auf den Stapel der alltäglichen Fan-Post gelegt, doch manchmal spielt das Schicksal seltsame Streiche: Balsans aktuelles Buch wird einhellig verrissen, die Frau in seinem Leben gibt ihm den Laufpass, und der einst verwöhnte Erfolgsautor braucht dringend eine Luftveränderung. So klingelt es einen schönen Tages bei Odette Toulemonde an der Tür: Balsan begehrt bei seinem größten Fan Einlass – für die nächsten Tage.
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Eure Kritiken zu Odette Toulemonde

  1. Sabs

    Eine köstliche Komödie. Typisch französisch. Erfrischend und lebensnah. Manchmal etwas kitschig aber schön.

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