KRITIK

Nowhere Boy

Nowhere Boy Liverpool in den 50ern. Die Kamera auf dem Dolly rollt durch die Straßen. Weiße Gartentore, tiefe Fenster, alles sauber, alles clean. An einem unscheinbaren Hauseingang inkl. verklinkerter Fassade bleibt die Kamera stehen. Hier wohnt er also. DER Beatle, der Musiker, John Lennon. Doch zunächst lernt der Zuschauer nicht den titelgebenden „Nowhere Boy“ kennen, sondern die eigentliche Hauptperson des Spielfilmdebüts von Sam Taylor-Wood, es ist John´s Tante Mimi, herausragend verkörpert von Kristin Scott Thomas.

Nach den vielen Nacherzählungen und Biografien über Künstler und Band (es sind fast 40 an der Zahl, inkl. „Yellow Submarine“, „Beatlemania“ und „Backbeat“), soll es jetzt also um die Jugendjahre des John Winston Lennon gehen. Und in diesen Jahren (und auch in allen weiteren, so erfahren wir später) spielt Tante Mimi eine entscheidende Rolle. Wer dies noch nicht wusste, bekommt John´s schwierige Verhältnis zu seiner Tante dezidiert serviert, in allen Einzelheiten, Stück für Stück, Stein auf Stein. Jede Begegnung, jeder Dialog geht mit einem Konflikt schwanger, der sich wie ein dunkler Schatten auf die ansonsten rührselige Darstellung des Liverpooler-Arbeitermilieus Mitte der 50er Jahre legt. Denn da Lennons eigene Mutter als eine gespaltene Persönlichkeit irgendwo zwischen nymphoman-manisch-depressiv oder einfach nur etwas zu lebenslustig für ihre Zeit dargestellt wird (köstlich: Anne-Marie Duff), wächst Lennon bei seiner deutlich strengeren Tante auf.

Ergo erzählt die von der Videokunst kommende Taylor-Wood streng genommen zwei Geschichten, zum einen die der jungen Jahre des ersten Beatle John Lennon zwischen Schulabbruch und Gründung seiner ersten Band und zum anderen ein familiäres Drama im strengen Schoß der Tante. Und genau darin liegt das Problem. Über jeder (Familien-)Szene liegt der schwere Beatle-Ballast der späteren Weltkarriere. Zielgenau zum 30ten Todestag in den deutschen Kinos, wurde das Leben und das kreative Schaffen Lennons im Vorfeld dieses Ereignisses bereits rauf und runter exerziert. Hier lernt der junge Lennon – zwar mit Aaron Johnson überzeugend aber zu Anfang deutlich zu alt (der 19jährige Johnson spielt den 15jährigen Lennon) besetzt – bei seiner Mutter, die Lennon im Alter von 15 ausfindig macht, das Banjo-Spiel kennen. Jeder Zuschauer wartet auf die ersten Takte von „Let it be“, „Yesterday“ und Co.. Doch Fehlanzeige.

Zudem treten erst am Ende des Films die weiteren Bandmitglieder ins Geschehen ein. Thomas Brodie Sangster, der junge schwer verliebte Sohn von Liam Neeson in „Love Actually“, der ursprünglich für die Hauptrolle vorgesehen war, versucht sich an der Figur Paul McCartney – und scheitert kläglich. Wie auch die Musikauswahl von Will Gregory, der die frühen Einflüsse in der Musik der Beatles mit zahlreichen Rock´Roll-Klassikern und ersten Blues-Crossover-Elementen zu unterstreichen versucht. Das ist jedoch zu viel des Guten und vor allem alles andere als inspirierend. Wer zudem Beatles-Songs hören will, wird enttäuscht.

Und am Ende, nach dieser überzeugenden Verwandlung Lennons vom rotzfrechen Schulabbrecher zum gefügsamen Bandmitglied – eine Verwandlung, die zu Anfang nur stockend in Fahrt kommt, um an ihrem Höhepunkt, einer gemeinsamen Szene von Tante, Mutter, Sohn von Kristin Scott Thomas an die Wand gespielt zu werden – fragt man sich zu Recht, ist über den Beatle John Lennon und vor allem über die Beatles nicht schon alles erzählt?



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INHALT

Liverpool in den Fünfzigern: John Lennon, 15 Jahre alt und von der Schule genervt, fällt zu Hause bei seiner strengen Tante Mimi die Decke auf den Kopf. Eines Tages trifft John jedoch seine Mutter Julia wieder, die den Fünfjährigen damals überstürzt verlassen hatte. Die lebenslustige, musikbegeisterte Frau führt John in die aufregende neue Welt des RocknRoll ein und bringt ihm das Banjospielen bei – nicht ahnend, dass sie damit den Grundstein für Lennons späteren Lebensweg legt. John gründet eine Band und lernt über Freunde den talentierten Gitarristen Paul McCartney kennen. Doch der Spagat zwischen seinen musikalischen Ambitionen und den zwei starken Frauen in seinem Leben wird für Lennon zur Zerreißprobe.
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Eure Kritiken zu Nowhere Boy

  1. Udo

    Ein Film über John Lennon ohne die (bekannte) Musik von John Lennon. Geht das? Das geht, auch als Familiendrama, wie uns Sam Taylor-Wood zeigt. Die Darsteller sind großartig, allen voran aaron johnson als Lennon. Dennoch will der Film nicht so ganz überzeugen, weil man doch immer an die Songs der Beatles denken muss. Es bleibt ein Gefühl der unerfüllten Erwartungen zurück.

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