KRITIK

Nichts als Gespenster

Nichts als Gespenster Fast jeder liebt das Reisen, aber niemand will Tourist sein. Das Schlimmste ist das Gefühl, schon alles gesehen zu haben, noch bevor man irgendwo angekommen ist.

Felix (August Diehl), der mit seiner Freundin Ellen (Maria Simon) im Mietwagen durch den amerikanischen Westen fährt, kann die kolossalen Weiten nicht genießen, nicht den Blick auf den Grand Canyon, nicht die Reize verschlafener Ortschaften. Statt Schaupracht sieht er Postkartenmotive, statt Entspannung zu finden, ringt er mit der Unmöglichkeit, den eigenen Blick auf die Dinge zu finden.

Regisseur Martin Gypkens inszeniert diese Reise wie ein Miniatur-Roadmovie, ruft die Edward-Hopper-Ikonografie aus Diner, Tankstelle und Motel ab, ähnlich melancholisch grundiert – und erzählt vom Fremdheitsgefühl in einer Bilderwelt, die ihr Eigenleben führt. Es ist die stärkste Passage seines Episodenfilms, den der 38-Jährige nach Geschichten von Judith Hermann inszeniert hat.

Gypkens, der sich vor einiger Zeit mit seinem Langfilmdebüt „Wir“ über eine Gruppe Mittzwanziger im Taumel der Unentschlossenheit einen Namen gemacht hat, bebildert hier das Lebensgefühl der um die Dreißigjährigen, die ihre Weichen gestellt haben und nun hadern, ob sie sich fortan auf ausgetretenen Pfaden bewegen werden. Von einem befreundeten Paar auf Liebeskummerflucht in Island erzählt er, von einem Freundschaftsverrat im Theatermilieu der ostdeutschen Provinz, vom lähmenden Ennui in der Karibik angesichts eines aufziehenden Hurrikans und schließlich von einer jungen Frau (Fritzi Haberlandt), die ihren Bildungsbürgereltern nach Venedig hinterherreist und auf Sprachlosigkeit trifft.

Sicher, manchmal schlägt die Lakonik der Dialoge ins Bedeutungsschwangere um, doch insgesamt trifft dieser hervorragend besetzte und gespielte Fernweh-Film ins Herz der diffusen Sehnsüchte.



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INHALT

So hatten sich Ellen und Felix ihren Roadtrip durch die USA nicht vorgestellt: Ihre Partnerschaft geht vor ihren Augen in die Brüche. Ruth mag frisch verliebt sein - als sie Caros Freund Raoul kennen lernt, ist es um sie geschehen. Seit kurzem sind Jonas und Irene wieder Single und verbringen ihre Ferien in Island, Marion reist zu ihrer Familie in Venedig und Christine besucht ihre Freundin Nora auf Jamaica.
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Eure Kritiken zu Nichts als Gespenster

  1. Susanna

    Ein wirklich gelungener Film. Tolle Darsteller, nachvollziehbare Geschichte, passend für die Generation 25plus. Ich habe mich wiedergefunden. Der Film lohnt sich.

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