KRITIK

News from Home

News from Home Amos Gitai hat eine ganz besondere Beziehung zu Häusern. Der israelische Filmemacher hatte vor der Filmerei in den USA Architektur studiert. In seinem Dokumentarfilm „News from Home“, den er mit einem Off-Kommentar begleitet, vergleicht er das Filmemachen mit der Entstehung eines Hauses. Genauso wie im Film existiert „zunächst eine Idee, dann bekäme diese Idee ein Gerüst“, so der Filmemacher.

In seinem mittlerweile 40. Film ist ein Haus für ihn jedoch weit mehr als eine Metapher für das Filmemachen. Hier wird das Haus zu einer Metapher für einen geschichtlichen Wandel und zu einem Spiegelbild der politischen Entwicklung eines ganzen Landes. Das Haus, um das es hier geht, liegt an einer ruhigen Straße in einer ruhigen Gegend in Westjerusalem. Dreimal hat Gitai hier gedreht: 1980, 1998 und 2005.

Die Geschichte des Hauses beginnt mit Aufnahmen aus dem Jahr 1980. Zwei Männer schlagen mit einem schweren Hammer Stahlkeile in den Fels, um Gesteinsbrocken zu lösen. Einer der beiden wird später im Film noch einmal auftauchen. Dieser erste Dokumentarfilm aus den 80ern, in Schwarz-Weiß gedreht, erzählt von schweren Bedingungen; sowohl bei der Arbeit, als auch in einem Land, das 1948 den Besitzer gewechselt hat. Dr. Dajani, der erste Besitzer des Hauses, erklärt es so: Israel nahm das Land und auch sein Haus in Besitz, sie riegelten beides ab und öffneten ein Fenster nur einen Spalt breit. Dann verhandelten sie mit den Bewohnern, den Palästinensern, über ihr Bleiberecht. Dr. Dajanis Haus ging 1948 an die Israelis über. Es wurde als „leer stehend“ deklariert und von jüdisch-algerischen Einwanderern „besetzt“. Auch die Tochter der Besetzer-Familie kommt im Film später zu Wort.

Wie drei Schichten einer archäologischen Ausgrabung liegen die drei Filme aus den verschiedenen Jahren übereinander. Gitai unterhält sich mit ehemaligen Erbauern, alten Besitzern und neuen Besitzern. Er reflektiert die Geschichte eines Landes. In seinem Film geht es um Erzählungen, die um ein Haus kreisen, das auch ein ganzes Land sein könnte. Dem Kinobesucher, der sich nicht mit der Geschichte von Israel und Palästina auskennt, wird so die politische Entwicklung eines Landes in der ganzen historischen Komplexität anschaulich gemacht.

Gitai vermied es in seinem Interviewfilm geschickt, Stellung zu beziehen. Der 55jährige Filmemacher gibt niemandem Recht oder unrecht. Er bleibt unparteiisch. Die Redezeit ist bei allen Interviewpartnern gleich. Somit entschärft er die für das Genre so typische These, dass ein Dokumentarfilm zwangsläufig immer eine These vertritt. Ob gewollt oder ungewollt. Lediglich die verantwortliche Dame des Filmverleihs gab nach der Filmvorführung am Premierenabend einen kleinen Hinweis, bei den einzelnen Bildern doch auf die Musik zu achten. Sie würde reichlich Aufschluss über Zustimmung oder Ablehnung des Gesagten geben. Grund genug, nicht nur vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Lage in Israel übrigens, ein weiteres Mal eine Kinokarte für diesen lehrreichen Dokumentarfilm zu lösen.



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INHALT

Ein Haus, im 1948er Krieg von seinem palästinensischen Besitzer verlassen; von der israelischen Regierung als „leer stehend“ enteignet; 1956 an jüdisch-algerische Immigranten vermietet; von einem Universitätsprofessor gekauft, der es 1980 in ein drei-geschossiges Haus umbaut...

Dieses Gebäude in West-Jerusalem ist nicht mehr der Mikrokosmos, der es vor 25 Jahren war. Seine Bewohner leben in alle Himmelsrichtungen verstreut. Der gemeinsame Ort hat sich aufgelöst, bleibt aber ein emotionales und physisches Zentrum im Herzen des israelisch-palästinensischen Konflikts. Konkrete Realität ist zu versprengten Geschichten und Erinnerungen geworden. Eine neue Identität, eine neue Diaspora haben sich entwickelt.

Gitai hat eine Art menschlicher Archäologie geschaffen. Er untersucht die Beziehungen zwischen den Einwohnern des Hauses, Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Israelis und Palästinensern. Alle werden auf ihre Art ein Symbol für das Schicksal der Region, der Welt.
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