KRITIK

Nerve

Bild (c) 2016 Studiocanal Filmverleih.

Bild (c) 2016 Studiocanal Filmverleih.

Highschool-Romanze trifft auf Cyber-Thriller, das war immer eine erfolgreiche Kombination, wenn man das junge Blockbuster-Publikum im Visier hat. Diese Erfahrung hatten schon ganz andere Regisseure, darunter auch John Bedham (mit seinem Film „WarGames“, 1983) und Iain Softley („Hackers – Im Netz des FBI“, 1996) gemacht. Und erste Zuschauerzahlen belegen, dass die beiden Regie-Neulinge Ariel Schulman und Henry Joost ähnliche Erfahrungen machen werden. Letztere hatten zuvor mit zwei Beiträgen zum „Paranormal Activity„-Franchise ihre ersten Sporen im Spielfilm-Regie-Fach verdient. Und auch mit ihrem aktuellen Werk, der Verfilmung des gleichnamigen Jugendbuches „Nerve“, stellen die zwei einmal mehr ihr Talent unter Beweis.

Im Zentrum des Geschehens steht die junge Vee (Emma Roberts). An Vees Highschool gibt es einen neuen Online-Gaming-Trend. Nein, nicht Pokémon Go, sondern eine App namens „Nerve“. Bei „Nerve“ darf sich der User entscheiden, ob er „Player“ oder „Watcher“ sein will. Als „Player“ werden die User über ein anonymes Social-Media-Netzwerk zur Erledigung von peinlichen oder manchmal auch äußerst riskanten Aufgaben aufgefordert. Diese Aufgaben müssen mit dem eigenen Smartphone gefilmt werden, damit die so genannten „Watcher“ an den Mutproben weltweit teilhaben können.

Szene_NerveDie Wahl, bei dem Spiel ein „Player“ zu sein, wird dadurch versüßt, dass man mit dem Erreichten auch Geld verdienen kann. Je schwieriger die Aufgabe, desto höher der Gewinn. Vees Freundin Sidney (Emily Meade) hat sich als Player bei „Nerve“ inzwischen zahlreiche Fans erspielt. Und als die schüchterne Vee sich einmal mehr von ihrer taffen Freundin eine Lektion in Punkto Selbstbewustsein abholen muss, meldet sich auch Vee bei „Nerve“ an. Sehr zum Ärger ihres nerdigen Freundes Tommy (Miles Heizer), der vor dem Spiel stets gewarnt hatte.

Vees erste Aufgabe ist es, in einem Diner einen fremden Jungen zu küssen. Ihre Wahl fällt auf Ian, der in einem Restaurant wiederum die Aufgabe erhalten hatte, dort den Roman „To the Lighthouse“ zu lesen, bei dem es sich um Vees Lieblingsbuch handelt. Als Vee ihre erste Aufgabe erfüllt, ist sie zudem positiv überrascht, dass sie für ihre erste „Challenge“ einen dreistelligen Geldbetrag überwiesen bekommt, der aber – weil Vee erst 16 Jahre alt ist – auf das Konto ihrer alleinerziehenden Mutter wandert. Vee hat Lust bekommen, weiter zu spielen, zumal auch ihr „Kuss-Date“ Ian alles andere als unattraktiv ist. Und das Geld können Mutter und Tochter zudem sehr gut gebrauchen. Spätere Challenges sind allerdings weitaus weniger romantisch. So soll Ian gemeinsam mit Vee mit verbundenen Augen auf einem Motorrad fahren.

N_D03_0951.CR2Mit zahlreichen visuellen Gimmicks wird das Smartphone als ständiger Begleiter in die Handlung integriert, aktueller Hip-Hop aus den Charts sorgt für die passende musikalische Untermalung und die unaufhörliche Jagd nach mehr Followern passen perfekt zu den Figuren im Teenageralter. Zusammen mit der weltweit bekannten Spiel-Idee der öffentlichen Mutproben, die beispielsweise der TV-Show „Wetten dass…“ sehr nahe kommt, entsteht nicht nur für die schüchterne Vee ein altersübergreifender Thrill, dem man sich nur schwer entziehen kann. Letzterer wird zudem befeuert durch am Bildrand eingeblendete Social-Media-Kommentare, die Vee auf einmal als Mittelpunkt einer weltweiten „Konversation“ darstellen und sie somit zum Online-Star machen.

Anders als in der Buch-Vorlage bleibt die Kritik an der sorglosen Weitergabe eigener Daten oder die Kritik an der Macht einer anonymen Community, mit den Leben der User regelrecht spielen zu können, durch die zahlreichen visuellen Einfälle, die unzähligen Kameraperspektiven, die trendige Musik und die teenie-süße Romanze, überzeugend verkörpert von Emma Roberts („Wir sind die Millers„) und Dave Franco („Die Unfassbaren„) zu harmlos, um der Intention der Vorlage von Jeanne Ryan so nahe zu kommen, wie es das Buch verdient gehabt hätte. Dass beispielsweise Ian gewissermaßen eine Falle für Vee darstellt, dass weniger „erfolgreiche“ Player ihr Leben für ein wenig Aufmerksamkeit riskiert hatten, all das bleiben Randbemerkungen in einer zwar visuell überzeugenden aber inhaltlich doch sehr „ranschmeißenden“ Romanverfilmung. Was hätten nur Regisseure vom Format eines David Fincher oder Oliver Stone aus der Geschichte gemacht?

 

 

Kritikerspiegel Nerve



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Stefan Turiak
Widescreen, dramadandy.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Durchschnitt
6.5/10 ★★★★★★½☆☆☆ 


Mehr Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

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INHALT

Bist du Player oder Watcher? Auf Vees (Emma Roberts) Highschool gibt es so gut wie kein anderes Gesprächsthema mehr als die immer riskanter werdenden Challenges, die das illegale Online-Game „Nerve" seinen Spielern stellt. Um einmal so wie ihre Freundin Sydney im Mittelpunkt zu stehen meldet sich die eher schüchterne Vee kurzentschlossen selbst bei „Nerve“ an. Angetrieben vom Kick des Verbotenen bricht Vee mit ihrem ebenso attraktiven wie mysteriösen neuen Game-Partner Ian (Dave Franco) schnell alle Tabus: keine Challenge ist ihnen zu riskant. Über Nacht werden Vee und Ian die Sensation des immer gefährlicher werdenden Spiels! Doch als Vee herausfindet, dass ihre gesamten Social Media Accounts gehackt wurden, und versucht, aus dem Spiel wieder auszusteigen, muss sie feststellen, dass es dafür längst zu spät ist ... (Text: Studiocanal Filmverleih)
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