KRITIK

Nanga Parbat

Nanga Parbat Der Begriff „Bergfilm“ war bis etwa 1960 die feste Bezeichnung für ein Filmgenre. Ein wichtiges Genre in der deutschen Filmhistorie. Denn es bildete sich bereits in den 1920er Jahren heraus und fand im Freiburger Arnold Fanck seinen Hauptvertreter. Der promovierte Geologe gilt bis heute als Pionier des Bergfilms und setze früh sehr hohe Maßstäbe. Maßstäbe, an denen sich andere bedeutende Regisseure des Bergfilms wie Luis Trenker („Der verlorene Sohn“, 1934) oder Leni Riefenstahl („Das blaue Licht“, 1932) messen lassen mussten. Nach einer langen Pause erlebte der klassische Bergfilm erst durch Spielfilme wie „In eisige Höhen“ (1997), „Cliffhanger“ (1993) oder den deutschen Filmen „Nordwand“ oder „Am Limit“ ihr Revival. Nicht viele Filmemacher wollten und wollen das Risiko „am Berg“ eingehen. Zudem ist der finanzielle Aufwand für einen Bergfilm sehr hoch. Mit einem finanzstarken Ausrüster im Rücken hat sich nun auch der gebürtige Kameramann Joseph Vilsmaier der Herausforderung gestellt. Der wohl bekannteste Bergsteiger der Welt, Reinhold Messner, soll mit seiner Geschichte über das Abenteuer am Nanga Parbat im Himalaya 1970 an den gebürtigen Bayer herangetreten sein.

Doch was geschah wirklich am Nanga Parbat? Das weiß bis heute nur einer ganz genau. Und das ist Reinhold Messner. Nach dem Fund der Leiche seines Bruders im Jahre 2005 sah sich Messner in seiner Version vom „Unfall“ seines Bruders am neunthöchsten Berg der Erde bestätigt. Und die anderen Expeditionsteilnehmer liegen falsch. Nein, er war es nicht, der seinen Bruder aus purem Ehrgeiz und Egoismus auf eine gefährliche Route den Berg herunter geführt hat. Eine T(ort)our, die der jüngere und unerfahrene Bruder mit seinem Leben bezahlen musste. Und nein, er war es nicht, der auf die Hilfe seiner Kameraden setzen konnte, wohlwissend, dass es seinem Bruder sehr schlecht ging. Das ist die Version von Reinhold Messner und das ist hier auch die Version von Joseph Vilsmaier. Ein Schatten, der wie ein Damokles-Schwert über dem Film schwebt.

Leider hatte der Expeditionsleiter, Karl Herrligkoffer (hier verkörpert durch einen schwachen Karl Markovicz), die Rechte an der Geschichte vor Reiseantritt 1970 an den Burda-Verlag verkauft. Nach knapp 40 Jahren jetzt also die späte Genugtuung? Das Ende der Rufmordkampagne? Und zwar über das letzte Glied in der Verwertungskette – dem Kino? Es sieht fast so aus. Vilsmaier hat sich für eine Heldenfigur entschieden, für einen Messner, der sich abmüht, den Bruder zu retten, bis er ihn letztlich aus den Augen verliert – einen, den der Ehrgeiz durchaus lockt, der aber angeblich nie vergisst, dass er der Hüter seines Bruders sein soll.

Und was macht Joseph Vilsmaier aus dem Brüderdrama? Nicht mehr als das von ihm gewohnte Volksbühnenstück mit holzschnittartigen Dielen und ebensolchen Charakteren. Der bärtige Bayer scheitert nach einem guten Auftakt und überzeugenden Bildern wie so viele vor ihm in den Bergen. Hier wirkt sein 7 Mio. Euro teurer Film wie der Zusammenschnitt einiger Reinhold Messner Home-Videos. Der Kameramann drehte die wenigen atemberaubenden Panoramaansichten des Berges an Originalschauplätzen, ein ungeheurer organisatorischer wie materieller Aufwand. Demgegenüber stehen aber die in Studiokulissen und in den Alpen entstandenen Storyelemente. Die Spannung zwischen diesen Bildtypen löst die Montage äußerst eindimensional auf: Panorama – Halbtotale – Panorama. Das Wenigste, was man von einem Bergfilm erwarten sollte, ist doch ein Gefühl für die Schönheit und Erhabenheit der Bergwelt – und für die Gefahren. Das konnten andere, auch deutsche Regisseure (siehe oben), doch auch. Leider Fehlanzeige. In Vilsmaiers „Nanga Parbat“ stellt sich das Gefühl für eine kritische Betrachtung des geschichtlichen Hintergrundes oder gar der Reinhold-Messner-Version von einem Bergdrama sowie eine glaubhafte Visualisierung der Erhabenheit der Bergwelt zu keinem Zeitpunkt ein. Auch er scheitert am „Schicksalsberg der Deutschen“.



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INHALT

Zwei Brüder. Ein Berg. Ihr Schicksal. Die Brüder Reinhold und Günther Messner setzen sich als Kinder das Ziel, irgendwann den Nanga Parbat, den über 8.000 Meter hohen „nackten Berg“ im Himalaya, zu besteigen. Im Jahre 1970 ist es für die damals 25 und 23 Jahre alten Brüder dann soweit. Unter der Führung des Expeditionsleiters Dr. Karl Maria Herrligkoffer will eine Elite internationaler Bergsteiger den Gipfel erobern. Die Route führt über die legendäre Rupalwand, die höchste Steilwand der Erde. Nach einer Schlechtwetterwarnung entscheidet sich Reinhold den Gipfel alleine zu erreichen. Günther, der weniger Erfahrung besitzt, folgt seinem älteren Bruder. Doch er wird höhenkrank und mit dem Abstieg beginnt der Kampf ums Überleben. Nur Reinhold kehrt lebend ins Tal zurück…
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Eure Kritiken zu Nanga Parbat

  1. Hannes

    Schade, die Geschichte hat etwas zu bieten. Leider konnte Vilmaier dies nicht umsetzen. Wahren Bergsteigerfreunden empfehle ich dann doch lieber „In eisigen Höhen“ (J. Krakauer).

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