KRITIK

Nackt

Nackt Es ist ja schrecklich aufwendig, eine Beziehung anzufangen. Kaffee trinken gehen, klar, danach komplett neue Unterwäsche kaufen, für Bier im Kühlschrank sorgen, die Katze gegen einen Kanarienvogel tauschen. Und wozu das alles, wenn am Ende doch nur Angst vor zuviel Nähe steht?
So fragt die wundervolle Fanny Fink, gespielt von Maria Schrader, in die Videokamera eines Instituts für Partnervermittlung, und weil sie merkt, dass sie sich auf dem Verzweiflungsmarkt des großstädtischen Glückwerbens eigentlich vorteilhafter präsentieren sollte, schiebt sie nach: „Ich würde mich auch nie in mich verlieben, wenn ich Sie wäre.“
Doris Dörries herzzerreißender Single-Ballade „Keiner liebt mich“ genügten diese wenigen Minuten, um mehr von der heiß ersehnten Sinnlosigkeit des zwischenmenschlichen Abstrampelns zu erzählen, als es ihr jüngster Komödienversuch „Nackt“ in stundenlangem Dialog-Striptease vermöchte. Derart faustisch deutsch und angestrengt humorig wird hier das Wesen aller Liebelei verhandelt, dass schließlich nicht nur Hemmungen und Hüllen fallen, sondern besonders die Nerven blank liegen.
Nach der Vorlage ihres Bühnenstücks „Happy“, das aus gutem Grunde nie zur Aufführung gelangt ist, lässt die Regisseurin drei Phrasen-Paare aufeinander los, die sich nicht riechen und irgendwann auch nicht mehr sehen können. Emilia (Heike Makatsch) und Felix (Benno Fürmann) sind allerdings schon keine Lover mehr, sondern doktern an den Nachwehen ihrer Kuschel-Liaison herum („Die Sendung mit der Maus hat uns umgebracht“).
Annette (Alexandra Maria Lara) und Boris (Jürgen Vogel) hingegen könnten zufrieden sein, würden sie nicht wie die Brummkreisel um den eigenen Bauchnabel rotieren und Beziehungsphilosophie am Beispiel des Käsebrotes betreiben.
Charlotte (Nina Hoss) und Dylan (Mehmet Kurtulus) endlich, frischgebackene Aktien-Millionäre und Gastgeber eines fatalen Abendessens für alle Sechs, haben vor lauter Wohlstandsbedenken kaum Zeit zum Geldausgeben. Das ja kann heiter werden, denkt man, und tatsächlich kommt schon zur Vorspeise die Gretchen-Frage auf den Tisch: „Wann wart ihr denn das letzte Mal richtig glücklich?“ Lang ist’s her, selbstverständlich, heute fühlen sich die New-Economy-Gewinnler höchstens „happy“.
Worin indes der im neunten Monat bedeutungsschwangere Unterschied besteht, bleibt das Geheimnis der Autorin Dörrie, die ihren gutgekleideten Ausziehpuppen ansonsten gern unappetitliche Existenz-Erkenntnisse in die papiertrockenen Münder legt: „Ich glaube, du hast Speck auf der Seele angesetzt.“ Und nirgendwo die Weight Watchers in Sicht.
Was die anschließende Nackedei-Scharade der Möchtegern-Individualisten, so erotisch gefilmt wie ein Blinde-Kuh-Spiel auf dem Kindergeburtstag, leidvoll bestätigt. Dieser Entfremdungs-Akrobatik folgt der Hirnmuskelkater, und das eigentlich ansehnliche Ensemble kapituliert endgültig vor den Verständigungsproblemen der Geschlechter. „Ich bin mit dir immer so im Ausland“, also husch zurück in die innere Emigration.
Was Dörrie, sonst eine unterhaltsame Filmemacherin, sich bei diesem prätentiösen Liebeskonstrukt gedacht hat, ist klar: Viel zuviel. Patrick Wildermann



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INHALT

Basierend auf ihrem im Jahr 2001 erschienenen Drama „Happy“ beobachtet Doris Dörrie drei Paare bei der Bewältigung des Alltages. Emilia und Felix streiten, doch es knistert heftig zischen beiden – immer noch. 5 Jahre Beziehung liegen hinter ihnen, eine räumliche Trennung scheint für beide schwer vorstellbar. Während Emilia ihre Verletztheit vor sich her trägt wie eine Statue, versteckt sich Felix hinter der Rolle des agent provocateur.
Ganz anders verhält es sich bei Alexandra Maria Laras und Jürgen Vogels Annette und Boris. Für Annette klingt irgendwann „jedes Paar nach Al Bundy und Frau“. Ihr Boris dagegen weicht seiner „Traumfrau“ nicht von der Seite. Er will Auffangbecken und Kraftquelle zugleich sein, bleibt dabei aber Romantiker und somit letztendlich der ideale Partner für die erfolgreiche Geschäftsfrau.
Paar Nummer drei, Charlotte und Dylan, zeigen, dass auch plötzlich erworbener Reichtum keine sichere Basis für eine gut funktionierende Beziehung bedeutet.
Alle sechs führt ein gemeinsames Abendessen zusammen. Die drei Paare verbindet seit langer Zeit eine intensive Freundschaft. Allerdings sind die wilden gemeinsamen Zeiten längst vorbei. Niemand ahnt, dass dies ein Abend der Demaskierung, der Intrige und zu guter letzt auch ein Abend der Erkenntnis wird. Hier der Trailer..
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Eure Kritiken zu Nackt

  1. Vera

    Das kennen wir doch schon alle……..Schwachsinnsfilm! Hab mich mitschleifen lassen, hätt wohl doch lieber zuhause bleiben sollen! Ich fand ihn eher langweilig; Humor hab ich sowiso keinen, und im Großen und Ganzen…….. naja, wie schon gesagt, er war einfach scheiße!

  2. tine

    natürlich …. ist dieser film und die dialoge nicht unbedingt, schon ein wenig überzeichnet. oder auch bildhaft (was besonders in der unterstreichung der charaktere ducrch ihre wohnungen auffällt) ich fand ihn wunderbar! mir sind einige der ausgesprochenen gedanken durchaus bekannt (ja, ich bin glücklich verliebt) und die die mir nicht bekannt sind find ich auch interessant. die alltagsszenen zu beginn, wenn sich die paare für den abend vorbereiten … herrlich! die schauspieler … spitze. und was die texte angeht: sie sind natürlich geschliffen/ausformuliert/überzeichnet, wie immer man es nennen mag, sie sind ja auch von einer durchaus erfolgreichen schriftstellerin geschrieben … o.k. einen minuspunkt gibt es für die zu lange schlussszene (vielleicht aber auch nur weil man den dialog nicht erträgt da er zu nahe geht?). ein tip für alle die zuhören können und wollen.

  3. nico

    starker beginn..die meiner meinung nach sehr gelungene darstellung der 3 verschiedenen beziehungs-„arten“ mitsamt ihren problemchen,die mit den jahren auftreten, hat den film zu beginn auf ein level gehoben, das reichte, um sich auch die zweite hälfte noch anzuschauen. da gab es viele momente, von denen wohl jeder sich eine „ah ja, genau., kenn ich“-szene herauspicken konnte. nur was danach kam (und das war ja denn wohl die eigentliche essenz des films) wurde doch arg schwach in szene gesetzt. es wurde diesem abend mit dem anfass-spielchen hier eine bedeutung zugemessen, die der zuschauer absolut nicht nachvollziehen konnte. es fehlten hier einfach tiefgehendere augenblicke, dialoge, stimmungen, um das zu rechtfertigen, was zum schluss kam, nämlich aussprache und versöhnung allerorten. warum sollte man sich nach so einem misslungenen, eher langweilig-nervenden abend so intensiv mit dem sinn einer beziehung auseinandersetzen? da hätte meiner meinung nach viel mehr passieren müssen, um die paare „aufzurütteln“. als amüsantes spiegelbild des bekannten beziehungsalltags reicht der film aus für einen gang zur videothek.

  4. Cineclass

    NettDoris Dörrie einmal anders. Nach ihrem Handkamera-Roadmovie nun also die Paar-Collage. OK, ist vielleicht ein paar Mal zu langatmig und etwas zu „unausgegoren“. Aber ich fands nett, halt eine nette Idee, aus der man noch mehr hätte machen können, Gruß aus HH

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