KRITIK

Music from the Moon

Music from the Moon „Music is essential in this dark place. Otherwise we would be like…lost.“ „Musik ist lebensnotwendig in diesem trostlosen, kalten Land. Ohne sie wären wir sicherlich wie… verloren.“

Emiliána Torrini ist Musikerin und Songschreiberin und weiß um die Bedeutung der Musik in ihrem Land. Sie ist in Island aufgewachsen, mit deutschen Wurzeln. Als die Filmemacher, zusammen mit der Theatergruppe „The Hypno Theatre“, Anfang 2006 die Länder Island und Grönland bereisten, um nicht nur ihr Stück „Music from the Moon“ aufzuführen, sondern auch um Musiker und Kreative kennen zu lernen, zierte ihr hübsches Gesicht noch nicht die Cover der weltweiten Musikzeitschriften. Ihren Welthit „Jungle Drum“ kannten bis zum diesen Zeitpunkt nur ihre engsten Fans in Island.

Mit oder ohne Welterfolg. Wie wichtig die Musik für die Bewohner Islands und Grönlands ist, daran lässt die Dokumentation „Music from the Moon“ keinen Zweifel. Doch auch wenn der Film der drei Filmemacher Carsten Christochowitz, Christian Hund und Uwe Wältring von ihnen selbst als ein „Dokumentarfilm über Musik in Island und Grönland“ bezeichnet wird, handelt es sich streng genommen nicht ausschließlich um eine reine Musik-Dokumentation. Bei einer Laufzeit von 92 Minuten werden zwar zum Großteil Musiker und Kreative der Länder Island und Grönland vorgestellt, doch beeindruckende Landschaftsaufnahmen nehmen einen nur wenig geringeren Teil der Spielzeit ein wie auch die Gemeinschaftsszenen der Theatergruppe und Szenen aus ihren Aufführungen an Schulen und in Kulturstädten.

Die Theatergruppe „The Hypno Theatre“, das sind federführend unter der Leitung ihres Managers und Vibraphon-Spielers Hjörleifur Jónsson aus Island, der aus Indien stammende und in Singapur aufgewachsene Percussionist Ravi Shrinivasan, die in der Tschechei geborene Pianistin Magda Mayas, der Berliner Musiker, Gitarrist und Sitar-Spieler Jan Terstegen und die beiden aus Sheffield/England stammenden Puppenspielerinnen Frances Ball und Mandy Burton. „Diese Theatergruppe ist so wild zusammengewürfelt“, gibt Theatermitglied Jan Terstegen zu, „dass es vom logistischen Aufwand her grober Unfug ist. Aber gerade aus diesem Grund machen wir das und das macht es auch schön.“ Kreativität ist die Fähigkeit, produktiv gegen bestehende Regeln zu denken und zu handeln, wusste schon Albert Einstein.

Wie sich dieser internationale Melting Pot der Kreativität „Hypno Theatre“ gefunden hat, und was die kreativen Ziele der Gruppe sind, das bleibt leider offen. Es scheint den Mitgliedern fast etwas unangenehm gewesen zu sein, Persönliches von sich preiszugeben. Die Musik soll hier mehr sagen als tausend Worte. Die Beteiligten der Reise und damit auch die drei Filmemacher konzentrieren sich lieber auf Land und Leute, auf die Künstler, die nach und nach von ihnen besucht werden. Das Kameraauge ist hier mehr stiller Beobachter als ein Ausdrucksmittel. Somit werden die Kameras von den Beteiligten auch nicht als störend oder negativ empfunden und auf der anderen Seite auch nicht von ihnen für eigene Zwecke instrumentalisiert. Die Musik ist der Hauptdarsteller.

Jede Station und jeder Befragte wird mit einer eigenen Überschrift in dieser szenisch angelegten Dokumentation intoniert. „A multi-cultural blend“, „Culture first-hand“ oder einfach nur „Just do it“. Schöne Tempiwechsel für den Zuschauer. Damit diese bei den vielen unterschiedlichen Interviewpartnern nicht das Interesse verlieren, fängt die Kamera immer wieder die beeindruckende Landschaft ein. So entsteht ein stimmiger Rhythmus aus Interview und Landschaftsbetrachtung. Schneeverwehungen, pulsierende Geysire und Häuserblocks werden dabei von ruhigen Instrumentalstücken untermalt, „Music from the Moon“ ist somit auch eine packende Reise-Reportage.

Bei allen Beteiligten ist das Interesse mitfühlbar, die große Begeisterung für das „Musizieren“ in den fremden Ländern zu erforschen und diese Begeisterung zu verstehen und zu teilen. Auch, um damit den eigenen Erfahrungshorizont zu erweitern. Ein Interesse, das anhand eines Besuches in einer Grundschulklasse, dem Besuch einer Schülerband in ihrem Probenraum bis hin zum Konzert-Besuch der Mehr-Personen-Combo Benni Hemm Hemm genährt wird. Dabei hätte es des Interviews mit einem isländischen Filmemacher und der Frage nach dem Unterschied zwischen Isländern und Dänen gar nicht mehr bedurft um insgesamt festzustellen, dass die Möglichkeiten, in den kleinen Ländern kreativ tätig sein zu können, schier grenzenlos sind.
„We don´t have so strikt education“ antwortet der Musiker Mugison in gebrochenen Schulenglisch auf die Frage nach dem großen Einfluss der isländischen Musik auf die Weltmusik, “people just play…., we´re focussed in the music, not in the market. You start making music with 6 or 8 years“. Und schon erklingt im Hintergrund eine Klangcollage, die der ungeübte Zuschauer bestenfalls als Lärm identifizieren würde. Nur zwei Szenen später intoniert eine Schülerband ein Punk-Rock-Stück, bis sie von Emiliána Torrini abgelöst werden, die zwei wunderschöne Popsongs vorträgt. Und dazu fängt die Kamera einen verlassenen Kinderspielplatz ein, der den kalten isländischen Schneeverwehungen trotzt.

Diese Klangvielfalt und Kreativität sowie die landschaftlichen und persönlichen Eindrücke der Theatergruppe in ein unterhaltsames Korsett zu kleiden, hat sich als große Herausforderung für die Münsterschen Filmemacher Carsten Christochowitz, Christian Hund und Uwe Wältring erwiesen. Doch zusammen mit den witzigen graphischen Einfällen von Sven Kils meistern die jungen Filmemacher diese Herausforderung mit beeindruckender Professionalität und Souveränität. „Music from the Moon“ ist ein für Auge und Ohr im wahrsten Sinne beeindruckender Film. Kreativität, die ansteckt.

Man möchte als Kreativer nach dem Film am liebsten seine sieben Sachen packen, den Isländern in der aktuellen schwierigen finanziellen Situation beistehen und mit den jungen Musikern eine Runde jammen. Wo bekomme ich ein Flugticket nach Reykjavik?



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INHALT

Die internationale Theatergruppe "The Hypno Theatre" reiste im Februar und März 2006 durch die Länder Island und Grönland, wo sie in Schulen und Kulturzentren ihr Puppen-Theaterstück "Music from the Moon" aufführten. Auf ihrer Reise trafen sie Künstler, Musiker und andere Kulturschaffende und erhielten so einen ganz besonderen Einblick in Land und Leute, ihre kulturellen Wurzeln und ihren Antrieb, Musik zu machen. Eingefangen wurden die Begegnungen von den Filmemachern Carsten Christochowitz, Christian Hund und Uwe Wältring.
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Eure Kritiken zu Music from the Moon

  1. Premierengast

    Ein wirklich toller und ergreifender Dokumentarfilm über die Musikszenene des Nordens. Dazu stimmige Bilder über Land und Leute. Den Film sollte man sich anschauen, nicht nur wenn man Musikfan ist. Er geht jetzt auf Deutschlandtour.

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