KRITIK

Mulholland Drive

Mulholland Drive Wäre das nicht der ideale Film: Am Ende, wenn alles gezeigt wurde, bleibt ein Gefühl von „Und jetzt das Ganze noch mal, schön langsam“?
Aber wie wenige solcher Filme gibt es, wie viele rauschen einfach so vorbei, die meisten plätschern gar nur und das Gespräch danach dreht sich um einzelnes, um Sprüche, Gags, um das, was wiederholbar ist beim ersten Bier.
Lynch’s letzter Film ist weit davon entfernt, einfach wiederholt zu werden, und entweder man sieht ihn sich zweimal an, vorbereitet auf manches, was erst vom Ende her kommt, oder man geht zu dritt, zu viert, in einer Gruppe; und fragt dann den oder die, was sie gesehen haben und vergleicht es mit dem Eigenen. „Mulholland Drive“ hat sehr viel von Lynch’s „Lost Highway“ von 1997, er ist in vielerlei Weise eine Fortsetzung dessen, was in dem 97er-Film begonnen wurde. Die nächtliche Autofahrt, in „Lost Highway“ eine durch den rhythmisch vorbeizuckenden Mittelstreifen antreibende Beschleunigung mysteriöser Ereignisse, ist jetzt ein eher tödlich stilles Schleichen, eine wohlgepolsterte Reise ins Verderben. Die unerträglich langsamen, auf ein Grauenhaftes vorbereitenden Kamerafahrten in dem in dunklen Pastelltönen ertrinkenden Inneren des Wohnhauses damals sind jetzt gleichfalls Nervenmassage im Dunkelbeigen; doch die Andeutung damals wird jetzt sichtbares, schreckenerregendes Ziel.
Des weiteren verbindet beide Filme das häufige, unvermittelte Umkippen der Szenen von dieser Welt in eine andere, eine unterbewusste, zaghaft geahnte, in Träumen vielleicht einmal erlebte Welt. Sie verbindet die Kontrastierung des banal Witzigen (hier die Szene mit dem unfähigen Killer, eine Hommage an Tarantinos „Pulp Fiction“) mit der superkünstlichen Inszenierung des Surrealen; das wäre beispielsweise die Szene in einem alten Theater, dessen Name (und Bedeutung) in einem vorangegangenen Traum ausgesprochen wurde und dessen Akteure in vorangegangenen Szenen in gänzlich andere Weise Bedeutung zu haben schienen.
Kein zweiter Regisseur ist zur Zeit in Sicht, der die Seelenwelt einer nur noch an Oberflächen interessierten Gesellschaft so intensiv und zugleich so ironisch schildern kann. Lynch’s Reflexionen zielen auf ein psychotisches Amerika, dessen – insbesondere auch im Kino gepflegte – bigotte Moral in immer wiederkehrender, längst Selbstzweck gewordener Analyse von Schuld in einen Komplex verwandelt wird, den Komplex der Minderwertigkeit. Kubricks letzter, und – gemessen am gesellschaftspsychologischen Potential der Vorlage (Schnitzler Tramnovelle) – enttäuschender Film „Eyes wide shut“, war ein Hinweis; Lynch liefert, nach der wunderbar hellen „The Straight Story“ von 1999 – den Schluss: es gibt eine Avantgarde in den Vereinigten Staaten, und die ist einen Schritt weiter als das noch mit Kinderkram beschäftigte Europa. Benedikt Kraft



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INHALT

Los Angeles, Mulholland Drive, nachts. Eine Frau in einer langsam fahrenden Limousine soll getötet werden, wird aber gerettet durch einen Verkehrsunfall. Sie verliert ihr Gedächtnis, verkriecht sich in einem Haus, in dem alsbald Betty Elms aufkreuzt; ein Kind aus der kanadischen Provinz, auf der Suche nach Filmruhm, einem glänzenden Leben.
Die beiden Frauen befreunden sich, Betty treibt Rita – so nennt sich die Namenlose inzwischen – dazu an, ihre Vergangenheit und damit ihre Identität wiederzufinden. Auf ihrer Suche stoßen die beiden auf Aberwitziges, auf Grausames auch, doch ein Bild will sich nicht formen. Die Frauen, die eine fremd in der großen Stadt, die andere ohne Namen, werden ein Paar; Zweckgemeinschaft, Liebe?
Szenenwechsel: Der vom Erfolg verwöhnte Regisseur Adam Kesher muss hinnehmen, eine Hauptrolle in seinem neuesten Film von mächtigen Big Bossen besetzen zu lassen. Während des gefakten Castings begegnet er Betty, die gerade bei einem anderen Regisseur eine unglaubliche Vorstellung beim Vorsprechen gegeben hat; ihr kurzer doch magisch intensiver Blickaustausch lässt einiges für die Zukunft vermuten.
Inzwischen haben die Frauen auch eine blaue Stahlbox, einen Metallwürfel gefunden, dessen Schloss exakt das sein muss, das die beiden für einen mysteriösen Schlüssel suchten, der sich früh schon in Ritas Handtasche fand. Das Öffnen des Würfels ist der Anfang vom Ende. Betty verschwindet, taucht aber als eigentlich schon Todgeglaubte wieder auf. Rita ist jetzt Schauspielerin und Geliebte von Kesher, Betty eine irgendwie geisteskranke Frau, die am Ende einer Reise angekommen zu sein scheint. Sie bietet einem Hobby-Killer Geld, wenn er für sie einen Job erledigt.
In der vorletzten Szene kommt der Film gleichsam an seinen Anfang zurück. Dieses Mal sitzt Betty hinten in Wagen, nachts, auf dem Mulholland Drive, doch als auch sie zum Fahrer sagt, dass dieser Weg nicht der sei, der ans Ziel führe und sich der Fahrer wie in der Eingangsszene umdreht, hat er keine Waffe in der Hand: die Tür öffnet sich, Rita bringt Betty in Keshers Haus (mit fantastischem Bick auf LA). Die hier versammelten Menschen waren alle schon mal vorgestellt worden, doch hier sind sie in anderen Rollen. Als Kesher der Gesellschaft die Heiratspläne mit Rita bekannt gibt, zerbricht Betty ihr Champagnerglas.
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Eure Kritiken zu Mulholland Drive

  1. Udo

    Ja, der Film ist ein Meisterwerk..und das nicht nur weil er sich tief unter die Haut bohrt,

    sondern weil er gekonnt, ohne Verlust des Spannungsbogens, mehrere Versatzstücke erzählen und sie

    nachher zusammenfügen kann und sie dennoch nicht zum schnöden oberflächlichen Puzzle verkommen. Das ist an Lynch so besonders. Dass er aber als der Messias des intensiven Kinos

    bezeichnet werden kann, möchte ich mal unkommentiert so stehen lassen. Das europäische Kino hat durchaus weit mehr zu bieten,

    als es aus der Kritik hier hervorgeht.

  2. Christian

    David Lynch hat einmal..gesagt: „Jedes mal wenn ich ein Oberfläche sehe, will ich wissen, was sich darunter verbirgt. Man sieht eine Tür, und manchmal überkommt einen das übermächtige Verlangen, sie zu öffnen.“
    Mehr muss mal wohl nicht ueber den Film erzaehlen. Dennoch hat mich etwas gestört. Wirkt das Ende nicht ein wenig „angeklatscht“? Ich hatte ein wenig das Gefühl, am Schluss eine unzureichende Antwort auf eine Frage zu bekommen, die ich gar nicht gestellt hatte.
    Vielleicht liegt das daran, dass mir nach einigen Recherchen zu Ohren gekommen ist, dass der Film ursprünglich als Pilotfilm für eine 10-tlg. Fernsehserie geplant war und das Fernsehstudio den Film abgelehnt hat. Erst mit Hilfe eines franz. Investors (Canal+) hat Lynch den ursprünglich um ein Drittel kürzeren Film zu einem „richtigen“ Kinofilm ausgerollt. Leider merkt man das dem Film an. Und aus diesem Grund fehlt ihm bei mir der letzte Punkt zum absoluten Meisterwerk.

  3. Türlich

    Lynch..hat etwas von Lynchjustiz. Der Typ macht einen wahnsinnig. MD ist aber nciht so gut wie Lost Highway oder die Serie Twin Peaks. Bei MD wirkt alles irgendwie zu verspielt. Und wo bitte steckt das Europ. Arthouse Kino in den Kinderschuhen?

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