KRITIK

Much Loved

Bild (c) 2016 Arsenal Filmverleih.

Bild (c) 2016 Arsenal Filmverleih.

Ein Film, der zu einer Staatskrise führte. Denn es geht um Prostitution. Und die ist im muslimischen Marokko ein Tabu. Aber weder die Darstellerinnen von „Much Loved“, die ein aktuelles Zeit-Zeugnis über Prostitution von heute abliefern noch der französisch-marokkanische Regisseur Nabil Ayouch nehmen hier ein Blatt vor den Mund. Das Tabu wird gebrochen, mehrfach, frech, selbstbewußt und doch poetisch. Dass Ayouch´s Porträt dreier Edel-Nutten in Marrakesch nie auf das Niveau einer arabischen Soap-Opera fällt, ist in erster Linie ein Verdienst der großartigen Darstellerinnen, die in „Much Loved“ nicht nur vollen Einsatz zeigen sondern auch sprichwörtlich um ihr Leben spielen.

Er habe über 200 Prostituierte interviewt, bevor er seinen Film drehte, ist über Regisseur Ayouch zu lesen. Er wollte den Alltag der Prostituierten in Marakkesch ungeschminkt zeigen, ohne Pathos. Noch immer ist sein Roadmovie „Mektoub“ (1997) ein Aushängeschild der nationalen Filmindustrie. Doch das Thema seines fünften Spielfilms: käuflicher Sex im muslimischen Marokko, dazu mit notgeilen Arabern, die für ihre Angebeteten alles tun, das war den Behörden in Marokko und vor allem beim finanzstarken Nachbaren Saudi-Arabien dann doch zu viel der Kunst. Sie haben den Film für inländische Vorführungen auf den Index gesetzt und für Vorführungen im Ausland verboten. Offizielle Begründung: „Der Film stelle eine schwere Beleidigung der moralischen Werte und der marokkanischen Frau dar“.

Szene_Much_Loved_2Wie ernst es Ayouch mit seinem Vorhaben ist, das Leben von Prostituierten so ungeschönt wie möglich darzustellen, wird bereits mit den ersten Szenen deutlich: Darin schickt er seine Protagonistinnen von einer ausschweifenden Privatparty zur nächsten. Hinter verschlossenen Türen in Luxus-Villen wird hochprozentiger Alkohol aus allen Körperöffnungen geschlürft und Koks vom Bauch rassiger Kolleginnen geleckt. Wieviel „Spaß“ die Frauen bei der Ausübung ihrer Tätigkeit haben, wird immer wieder deutlich. Nicht nur, wenn sie sich wie junge Hunde um Banknoten balgen, die reiche Araber ihnen zuwerfen. Im Fokus der polnischen Kamerafrau Virginie Surdej liegen/stehen/tanzen die Prostituierten Noha (Loubna Abidar), Randa (Azmaa Lazrak) und Soukaina (Halima Karaouane). Die drei Frauen bilden eine verschworene Gemeinschaft mit einer gesunden Portion Konkurrenzkampf. Wenn sie sich im ziemlich ungezwungenen frivolen Geplänkel gegenseitig überbieten, liegt aber auch stets eine Prise Zwangsoptimismus in der Luft.

Immer an der Seite der Frauen: Chauffeur, gutmütiger Zuhälter und Hausmeister Saïd (Abdellah Didane), der „seine Mädels“ zu den ausschweifenden Partys reicher, meist saudi-arabischer Geschäftsmänner in Luxushotels und Privat-Anwesen bringt. Im Zusammenspiel mit Saïd und auch untereinander wird schnell klar, wie unterschiedlich souverän Noha, Randa und Soukaina ihre Rollen interpretieren, indem sie gleichzeitig als Unterhalterinnen, Liebhaberinnen und unterdrückte Sexarbeiterinnen fungieren. Ayouch stellt die Jet-Set-Welt seiner Protagonistinnen mit viel Alkohol und ausländischen Dollars immer wieder dem „normalen“ Leben gegenüber. Dann geht es auch um Verleumdung, Mutterpflichten und Einsamkeit.

Szene_Much_LovedDurch den Kontrast von ausschweifenden Party-Szenen, nüchternem Alltag und kollegialem Zwangsoptimismus entsteht durch die beeindruckend authentisch agierenden Darstellerinnen ein erschütterndes Frauenporträt, das durchaus unter die Haut geht. Regisseur Ayouch sorgte zudem dafür, dass sein Film „Much Loved“ durch die ausführliche Recherche einen universellen Anspruch hat. Durch seine hervorragenden Darstellerinnen, die nach dem Dreh Morddrohungen bekamen, legt er in aller Deutlichkeit den Finger in die Wunden einer Doppelmoral und Skrupellosigkeit, die den Zuschauer nicht verschont aber zutiefst bewegt. Mehr kann ein großes Frauenporträt kaum leisten.

 

 

 

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