KRITIK

Mr. Nobody

Mr Das gute, alte „Was wäre wenn“: Diesmal hat sich der Belgier Jaco van Dormael an eine Variante des beliebten Gedankenspiels herangewagt. Jener Dormael, der mit seinem Film „Toto der Held“ (1992) zum gefeierten Programmkino-Maestro wurde, dann aber die ganzen Nullerjahre über verstummte.

Dem Vernehmen nach bereitete er sich ewig auf „Mr. Nobody“ vor, seinen ersten englischsprachigen Film, der vom Leben, vom Tod, von der Liebe und überhaupt von allem handeln sollte. Doch wie das mit geplanten Großwerken so ist: Sie ächzen schwer unter der Last des ihnen Aufgebürdeten. So steht neben allem, was „Mr. Nobody“ sehr liebens- und sehenswert macht, auch etwas, das den Film überfrachtet.

Im Kern steht Science Fiction: Im Jahr 2092 hat die Menschheit mittels Stammzellen vom Schwein (!) die Sterblichkeit überwunden. Der letzte sterbliche Mensch, Mr. Nemo Nobody (Jared Leto), geht gerade seinem medienwirksamen Ende entgegen, und unter Hypnose rekapituliert er sein Leben. Oder zwei Leben. Nein, drei Leben. Mit Varianten.

Denn vom Ur-Trauma seiner Kindheit aus, der Scheidung seiner Eltern, fächert sich sein Dasein in Konjunktiven auf: Was würde passieren, wenn er mit dem Vater mitginge? Was, wenn er bei der Mutter bliebe? Würde er mit der depressiven Elise (Sarah Polley, „Splice“), der gütigen Jean oder doch mit seiner großen Liebe Anna (brünett: Diane Kruger) zusammenleben?

Der Schmetterlingseffekt: Kleinste Entscheidungen haben große Wirkungen, und Dormael springt agil zwischen den Zeit- und Realitätsebenen herum, als mischte er „Lost“, „Lola rennt“ und Wong Kar-Wais „2046“ vulgärphilosophisch mit den verspielten Fantasiestücken des „Amélie“-Machers Jean-Pierre Jeunet zusammen.

So besteht der virtuos inszenierte und von viel Popmusik unterlegte Film, der vom Mars-Abenteuer bis zum Liebeskitsch wirklich nichts auslässt, aus einer Vielzahl schmuckvoller Einzelepisoden (viele davon hinreißend), mal witzig, mal wehmütig. Doch im Ganzen geht dem Epos jener Charme ab, den „Toto der Held“ noch im Übermaß besaß. Etwas weniger Welterklärungsdrang hätte gut getan. Was wäre wenn?



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INHALT

Ein Junge steht auf einem Bahnsteig. Gleich wird der Zug losfahren. Die Mutter ist in den Zug eingestiegen, der Vater bleibt am Bahnhof zurück. Eine Trennung. Der Junge steht dazwischen. Für wen soll er sich entscheiden, bei wem will er lieber bleiben? Drei Mädchen haben den Jungen bisher begleitet, alle drei interessieren ihn. Welche wäre die Richtige? Schon beginnen drei Liebesgeschichten, jede zeigt ein ganzes Leben voll glücklicher und trauriger Ereignisse.
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