KRITIK

Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit

Bild (c) Piffl Medien.

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Deutsche Filmverleiher und das enervierende Thema Filmtitel. Offenbar sind einige Verleiher auf dem Eric-Emmanuel-Schmitt-Trip hängengeblieben. Wieso sonst sollten sie fremdsprachige Produktionen inzwischen im Wochentakt mit penetrant putzigen Titeln der immer gleichen Art versehen? Nach „Monsieur Claude und seine Töchter“, „Hectors Reise und die Suche nach dem Glück„, „Madame Mallory und der Duft von Curry“ kommt jetzt mit „Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ ein weiteres Exemplar ins Kino.

Dabei heißt die mehrfach ausgezeichnete (u.a. Venedig, Reykjavik) britisch-italienische Produktion im Original schön doppelsinnig „Still Life“. Und irgendwo zwischen „Stillleben“ und „Noch Leben“ (zwei mögliche Übersetzungen) ist auch ihre Hauptfigur zu verorten. Mr. May, ein Beamter mit dem Charme eines verstaubten Aktenordners. Dieser Mittfünfziger regelt in Londoner Vororten Nachlass und Beerdigung einsam Verstorbener. Bis seine Stelle wegrationalisiert wird und er seine ganze Kraft in einen letzten, komplizierten Fall investiert.

Szene_Mr_May2Regisseur Uberto Pasolini (Neffe von Regie-Altmeister Luchino Visconti, „Spiel der Träume“) inszeniert in leichenblassen Grau-Abstufungen die Tragikomödie eines Pflichtbewussten, der Menschen, die von der Gesellschaft ad acta gelegt worden sind, posthum ihre Würde zurückzugeben versucht. Natürlich muss Mr. May eine Wandlung durchmachen – da gibt sich der Film formelhaft und zunehmend pathetisch.

Das verstiegene Finale darf man zudem missglückt finden. Doch Eddie Marsan reißt es raus: Dem untersetzten Briten, den man als kongenialen Nebendarsteller zahlloser Filme („Happy-Go-Lucky„, „Sherlock Holmes„) und TV-Serien („Ray Donovan“) kennt, gelingt als Mr. May ein sehenswertes, nuancenreiches Porträt.

 




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INHALT

John May ist ein Mensch der besonderen Art: ein Einzelgänger, penibel, akribisch, aber mit einem großen Herz für andere. Mit wahrer Engelsgeduld kümmert er sich als „Funeral Officer“ im Auftrag der Londoner Stadtverwaltung um die würdevolle Beerdigung einsam verstorbener Menschen. Selbst für das Verfassen der Trauerreden findet er Zeit und respektvolle Worte – gehalten auf Trauerfeiern, die nur auf einen einzigen Gast zählen können: Mr. May. Doch seine Sorgfalt und Hingabe kollidieren mit den Anforderungen der Zeit: Warum sich solche Mühe machen für Tote, die keiner mehr kennt? Mays Stelle wird gestrichen, ein letzter Fall bleibt ihm: Billy Stoke, einsam gestorben in seiner verwahrlosten Wohnung genau vis-à-vis von Mays penibel geordnetem Zuhause; ein groteskes Zerrbild seiner eigenen Einsamkeit. Mays letzter Fall wird ihm fast zur Obsession: Wer war dieser Billy Stoke? Wie war sein Leben, wer waren seine Freunde, hatte er Familie? Als May endlich fündig wird, beginnt auch für ihn eine befreiende Reise, die ihn dazu bringt, sein eigenes Leben mit allen Aufregungen und Gefahren aufs Spiel zu setzen. (Text: Piffl Medien)
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