KRITIK

Mr. Gaga

Bild (c) Farbfilm Verleih.

Bild (c) Farbfilm Verleih.

Ohad ist immer in Bewegung. Oder zumindest war er es, bis zu seinem sechszehnten Lebensjahr. Aufgewachsen in einem Kibbuz konnte er sich stets frei bewegen. Der Freigeist und die Gemeinschaft waren der Familie Naharin sehr wichtig. Und dieses Umfeld, allen voran aber seine Mutter, förderte den Bewegungsdrang und riet ihrem stets quierligen Sohn zu einer Ausbildung als Tänzer. Alles andere als ein „normaler Werdegang“ für einen jungen Israeli, Jahrgang 1952. Der Zuschauer erfährt diese Grundlagen aus wunderschönen, digitalisierten Super-8-Aufnahmen. Und es hat den Anschein, als würde das ganze Leben des heute berühmten Choreographen Ohad Naharin auf Super-8-Film festgehalten worden zu sein. Ein reichhaltiges Angebot für den mehrfach ausgezeichneten, israelischen Dokumentaristen Tomer Heymann, der aus dem umfangreichen Material eine der schönsten Tanzdokumenatationen der letzten Jahre kreierte.

Eine Klammer, wie in so vielen anderen Bio-Dokus, gibt es bei Tomer Heymann nicht. So beginnt sein Film über den Tänzer Ohad Naharin mit einer Tanzszene. Mit strengem Blick versucht der inzwischen leicht ergraute Choreograph eine Tänzerin dazu zu bringen, sich im wahrsten Sinne vollständig „fallen zu lassen“ und komplett die Körperanspannung aufzugeben. Mit ruhigen Gesten fordert er sie auf, überzeugend auf den Boden niederzusinken, so, als hätte jemand auf sie geschossen. Der Choreograph macht die Aufgabe einmal vor und lässt seine Tänzerin die Übung so oft wiederholen, bis er damit zufrieden ist. An dieser Stelle zeigt sich exemplarisch das von Akribie, Professionalität und hemmungslosem Perfektionismus durchzogene Berufsethos Naharins.

Insgesamt fast acht Jahre arbeitete der israelische Filmemacher Heymann an der Realisierung und Fertigstellung seiner inzwischen vierzehnten Dokumentation. So ist es aus dem Presseheft zu entnehmen. Zwar ist Heymann, der Dokumentarist, Jahrgang 1970, seit über 20 Jahren mit dem Tänzer und Choreographen Naharin befreundet, dennoch zögerte letzterer viele Jahre mit einer Einwilligung zu einem Film über sich und vor allem für die Aufnahmen von seinen Proben und Workshops. Wie gut, dass es den Brüdern Heymann dennoch gelungen ist. Denn ihre Hartnäckigkeit, in Kombination mit dem Druck durch zahlreiche internationale Geldgeber und nicht zuletzt ein Crowdfunding-Aufruf machten sich schließlich bezahlt. Im März 2016 gewann die Doku den Publikumspreis auf dem SXSW-Festival in Texas.

Szene_mr_gagaAber nicht allein die Szenen aus dem spannenden Leben des Tänzers Naharin sind es, die viel Spannung und Ehrfurcht erzeugen, vor allem die Aufnahmen einiger Auftritte der Batsheva Dance Company sind es, die zum direkten Bewegungsdrang nach der Vorführung auffordern, genau das also, was der Tänzer und Choreograph Naharin mit seinen Ideen stets beabsichtigte. „Mr. Gaga“ ist mehr ein Tanz-Plädoyer als eine Künstler-Doku. „Ich tanze jeden Tag. Und ich möchte, dass das jeder tut„, verkündet der weltberühmte Kopf der Batsheva Dance Company aus Tel Aviv regelmäßig seinem Publikum. Direkte Interaktion heißt sein Credo. Egal ob bei seiner Arbeit am Staatsballett Berlin oder in Massen-Tanz-Happenings, die ihm als Künstler genauso viel bedeuten.

„Leidenschaft“ sprießt aus jeder Einstellung dieses sich stets im Fluß befindenden Films. Zahlreiche Interviews seiner Tänzer und Off-Kommentare von Naharin selbst sorgen immer wieder für ruhigere Momente. „Ich glaube wirklich an die heilende Kraft des Tanzes„, gibt Naharin dann zwischen den zahlreichen Proben gegen Ende einmal zu. Und genau das macht sich in den Gesichtszügen der alten und jungen Tänzer in der hervorragenden Schlusssequenz bemerkbar. Nach der Vorstellung wird der sich selbst windende Mr. Gaga zu einer Art Alleinunterhalter, der seine spezielle Anti-Technik mit Witz und Disziplin unter die Leute bringt. Plötzlich ist er wieder ganz Kind, Raum-, Körper- und Zeitgefühl scheinen sich an dieser Stelle völlig aufzulösen. Nicht zuletzt dadurch entsteht ein ausführliches, rundes Bild über den Tänzer und den Menschen Ohad Naharin in einer mitreißenden Kunst- und Tanzfilm-Doku, die zu den atemberaubendsten seit Wim Wenders „Pina“ (2011) gezählt werden muss.

 

 

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