KRITIK

Moulin Rouge

Moulin Rouge Was macht einen Ort wie das Moulin Rouge für die Literatur, den Film oder die nach Paris Reisenden so attraktiv? Sein Mythos verruchter, lasterhafter Shows und Partys gewiss mehr als jede auch schale Realität des Geschäftemachens und menschlichen Scheiterns. Cancan-Tänzerinnen in endlos breit erscheinender Reihe, die Röcke geschürzt, die Lippen desgleichen, und zur wilden Musik wackeln die Damen mit Hüten und nacktem Fleisch. Im Saal vor der prächtig beleuchteten Show in schriller Pappkulisse saufen die feinen Herren Schampus oder anderes Berauschendes und schauen sich die Richtige im Angebot aus; die Separees oder Zimmer im Obergeschoss kosten dann etwas mehr als Eintritt und Getränke zusammen.

In dieses Getrubel hinein platzt der Zuschauer mittels einer rasenden Kamerafahrt von irgendwoher, blickt in verzerrte Gesichter, unter die schon genannten Röcke, sieht Schweißperlen und verrutschtes Make up, Zylinderseidenglanz und die groben Hände der Kulissenschieber, riecht förmlich den Zigarrenqualm und das sündig schwere Parfum der Huren, die… doch nein, das alles ist schon viel zu detailliert, Baz Luhrmanns Geschichte über die Liebe am sogenannten Ort der Liebe ist einfacher, auf wenige Folien beschränkt: Erstens die bunte Bühne Moulin Rouge in Montmartre. Zweitens die beiden naiven Liebenden. Drittens die Herren zahlreicher Schicksale: der in Geldnöten steckende Moulin-Chef Zidler und der darum heftig umworbene, sehr vermögende Duke of Worcester. Viertens all die anderen Mitspieler und fünftens schließlich die Musik, Popzitate von den Beatles bis heute.

Luhrmann hat hier ein Theaterstück verfilmt, dessen Kulissencharakter er immer wieder durch eine Totale betont: die Kamera fährt vom Ort der Handlung weit zurück, über die Dächer von Montmartre hinaus, rückt den gerade fertiggestellten Eiffelturm ins Bild und verharrt über der im Halbdunkel liegenden Stadt an der Seine … unwirklich sieht sie aus, Pappmache, Computersimulation. Eine zweite Brechung erfährt die wilde Geschichte aus der Rückschau: Christian, immer noch in dem Zimmer sitzend, in dem er am Tage seiner Ankunft seine Schreibmaschine auf den Tisch stellte, erzählt als erwachsengewordener Autor aus der Rückschau seine Liebesgeschichte. Beide Erzählpositionen ermöglichen es auch dem Zuschauer, trotz der sich andeutenden Tragik über all die Späße zu lachen, die die Moulin-Rouge-Lautrec-Truppe immer wieder macht, seien sie beabsichtigt oder ungewollt. Und immer möchte man, trotz mancher Vorhersehbarkeit, wissen, was der nächste Vorhang bringt, wie es weitergeht mit den beiden Liebenden.
Bei Luhrmanns erstem Musical-Erfolg mit „Romeo und Julia“ – dessen schicksalhafte Dramatik für „Moulin Rouge“ unerreichbar ist – gingen Handlung, altertümelndes Reimdeutsch und schnelle Musik zu einem rasanten Ganzen zusammen; hier, in seinem aktuellen Film, sind es vor allem der unterhaltende Witz, die kapriziösen Kostüme und Kulissen, die mit einem dynamisierenden Schnitt und souveräner Kamera mitreißend wirken. Baz Luhrmann bietet mit „Moulin Rouge“ bestes Unterhaltungskino.



Ähnliche Beiträge:

INHALT

Der arme Poet Christian reist in die große Stadt Paris, vom Vater vor Sodom gewarnt und landet zufällig bei der Truppe am Moulin Rouge, die um Toulouse-Lautrec ein neues Musical entwickeln soll. Lernt darüber die Tänzerin, die umschwärmte Edelhure Satine kennen, die ihn für den vermögenden Financier hält, dessen Gunst sie für das angeschlagene Etablissement gewinnen soll - auch und besonders unter Einsatz ihres aufregenden Körpers. Beide verlieben sich ineinander, Satine in Christians Unschuld und seinen jungenhaften, von Gesangseinlagen geschmückten Charme, Christian in Satines Weiblichkeit, ihre strahlende Schönheit, die den Dichter schon beim ersten Anblick der unerreichbar hoch im Saal Trapezschwebenden rettungslos gefangen nahm. Die beiden treffen sich ab da heimlich und in aller Öffentlichkeit an der Bühne, wo Christian, Autor und Regisseur eines herzallerliebst simplen Stückes ist, in dem Satine die Hauptrolle spielt. Das ganze geht natürlich nicht gut, der einflusseiche Duke drängt auf ein versprochenes Treffen, durchschaut schließlich die Sache, droht mit Mord. Satine will Christian retten, verleugnet ihre Liebe, was den Unschuldigen nicht hindert, doch im Moulin Rouge aufzutauchen. Verwirrung, Handgemenge, Abrechnung, aber zu spät: was der Zuschauer längst ahnen konnte, Christian wusste es nicht. Satine leidet an TB oder Schwindsucht, wie man damals poetischer formulierte, sie stirbt in seinen Armen.
Dieser Beitrag wurde unter Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eure Kritiken zu Moulin Rouge

  1. Cineast

    Bilder, Bilder, Bilder..127 min ein bildgewaltiges Singspiel mit bestens aufgelegten Hauptdarstellern. Dieses Prachtstück von Luhrmann ist kein Film, sondern eine Bilderflut, aber trotzdem nett..

  2. Andreas

    Viel Verpackung, wenig..Inhalt.. Mir hat der Film nicht gefallen, da mich die wilde Handkamera am Anfang echt genervt hat. Gut, es wurde besser mit der Zeit, aber anfreunden konnt ich mich mit dem Film nicht mehr…

  3. Bioscoop

    Musical zum MitfühlenDer Film reißt Musik- und Musicalliebhaber von der ersten Sekunde an mit. Es ist eine atemberaubende Bilderpracht von der ersten Sekunde an, die den Mund offen stehen läßt und man hat das Gefühl, in einem Theater zu sitzen. Die Musik ist passend ausgesucht worden (der Soundtrack ist auch zu empfehlen). Die Schauspieler agieren hervorragend und überzeugend, ihre stimmlichen Leistungen beim Interpretieren der Lieder ist erstaunlich und in positiven Sinne überraschend. Allerdings habe ich ihn in der Originalfassung gesehen, kann nicht beurteilen, ob die deutsche Bearbeitung den Zauber des Films richtig wiedergegeben hat. Der Film kann jedoch sicherlich für Hartgesottene ein absoluter Flopp sein, deshalb am meisten für Musicalliebhaber zu empfehlen.

  4. Jeanette

    VerworrenVerwirrend und dann auch nervend war die Kameraführung per Handkamera. So wird man auch im Kino see/sehkrank. Insgesamt fand ich die Geschichte recht platt und die Darstellung sehr verworren. Kann ich trotz Nicole Kidman nicht empfehlen. Daher lautet meine Wertung: enttäuschend

  5. Dagmar

    TiefgründigDer Film hat schon viel Hintergrund, wenn man dafür empfänglich ist.

    Kamaraführung war super.

  6. tine

    alles.mein gott, wie schön …

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*