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Mord im Orient-Express

Plakat zum Film Mord im Orient-Express mit allen beteiligten Darstellern.

Bild (c) 2017 Twentieth Century Fox.

Ob handfeste theoretische Ermittlungen mit Befragungen, Antworten und Rückschlüsse auf einen möglichen Täter – also ob die bekannten Ingredienzien des klassischen Krimis heute noch ein junges Publikum ins Kino locken können, oder ob es gar einen Mittelweg zwischen dem klassischen “Whodunit-Krimi” und dem heutigen Action-Kino gibt, das sind Fragen, die nun Kenneth Branagh mit seiner Agatha Christie Interpretation „Mord im Orient Express“ beantworten möchte.

Dass es sich dabei natürlich nicht um die erste Verfilmung des Christie-Klasikers handelt, überrascht nicht. Bereits 1974 trommelte der Meisterregisseur Sidney Lumet eine berühmte und illustre “Who-is-who”-Liste des Hollywood-Kinos zusammen – bestehend unter anderem aus Lauren Bacall, Ingrid Bergman, Jacqueline Bisset, Sean Connery, Anthony Perkins, Vanessa Redgrave und nicht zuletzt aus dem großartigen Albert Finney als der von Christie erdachte Meisterdetektiv Hercule Poirot. Eine Rolle, in die Regisseur und Hauptdarsteller Kenneth Branagh dieses Mal selbst schlüpft. Offenbar handelt es sich bei seiner Interpretation von Christies „Mord im Orient-Express“ um eine Herzensangelegenheit, da er sich in der Vergangenheit vor allem um die Entstaubung von Shakespeare-Klassikern kümmerte, mittlerweile mit seiner „Thor“– und „Jack Ryan“-Verfilmungen jedoch auffallend mehr in Richtung Mainstream tendiert. Wie bei vielen Neuverfilmungen oder Remakes ist auch hier die Frage nach dem „Warum?“ durchaus berechtigt.

Szene aus dem Film Mord im Orient Express mit Hauptdarsteller Kenneth Branagh vor einem Zug.Zur (womöglich bereits bekannten) Geschichte: Nach der Aufklärung eines spektakulären Diebstahls in Jerusalem, macht sich Hercule Poirot (Kenneth Branagh) auf nach Europa, um dort nach vielen Jahren harter Aufklärarbeit endlich zur Ruhe zu kommen. Allerdings soll es ganz anders kommen: Nicht nur erreicht ihn die eilige Bitte, ein weiteres Verbrechen aufzuklären, auf dem Weg dorthin geschieht im titelgebenden Orient-Express zudem ein brutaler Mord an dem zwielichtigen und unsympathischen Edward Ratchett (Johnny Depp). Verdächtig könnte jeder der Passagiere oder Bediensteten des Zuges sein. Poiriot muss also erneut seine genialen investigativen Fähigkeiten einsetzen, um das Verbrechen zu lösen und das Zugunternehmen vor einem handfesten Skandal zu bewahren.

Wie schon der großartige Sidney Lumet vor ihm, gelingt es auch Branagh, eine illustre Runde aus Altstars und vielversprechenden Newcomern zusammen zu trommeln. Darunter: Judi Dench („Victoria und Abdul“), Daisy Ridley („Star Wars – Das Erwachen der Macht„), Manuel Garcia-Rulfo, Penélope Cruz („Vicky, Cristina, Barcelona“), Josh Gad, Johnny Depp, Derek Jacobi, Marwan Kenzari, Michelle Pfeiffer und und und. Auch wenn die Starpower von einigen dieser Schauspieler auch ohne viel Text stets durchscheint, lässt Branagh ihnen jedoch nur sehr wenig Leinwandpräsenz. Stattdessen fokussiert sich der britische Regisseur auf die von ihm selbst dargestellte Hauptfigur, was zwar nicht unbedingt den Anschein von überbordendem Narzissmus hat, aber dennoch etwas unausgeglichen wirkt.

Szene aus dem Film Mord im Orient Express mit Judy Dench als Prinzessin Dragomiroff.Während Albert Finney vor allem die schrulligen Eigenschaften des Meisterdetektivs hervorhob, versucht Branagh eine tragische Seite aus der Figur Hercule Poirot heraus zu holen: Das fast zwanghafte Bedürfnis, eine Welt zu erschaffen, die sich stets im Gleichgewicht befindet. Auch das macht ihn in Branaghs Interpretation zu einer einsamen und tragischen Figur. Dennoch lässt er den Humor und die exzentrischen Angewohnheiten des Detektivs wie z.B. seine unverfrorene Ehrlichkeit und seinen Charme nicht außer Acht. Während der Darsteller Branagh diese Gratwanderung recht mühelos hinbekommt, wirkt die Gratwanderung von Regisseur Branagh und Michael Green gelegentlich recht bemüht und aufgesetzt, auch wenn es sich dabei um einen interessanten Ansatz handelt.

Ansonsten hat die Neuinterpretation von Branagh dem Werk von Christie nicht unbedingt viel hinzuzufügen. Die Inszenierung setzt auf ein schnelleres Tempo, hat sogar die ein oder andere Spannungsszene (auf die sich die Marketingabteilung im Trailer besonders konzentriert) und ändert auch sonst einige Details – aber keine Angst: Aus „Mord im Orient Express“ ist kein Actionfilm geworden, denn die zwei bis drei actionlastigeren Szenen fallen kaum weiter ins Gewicht. Branagh und seinem Kameramann Haris Zambarloukos gelingen ganz ansehbare Einstellungen, um dem doch etwas statischen Zug-Setting etwas mehr Dynamik zu verleihen. Das 65 Millimeter-Format wirkt sogar in diesem beengten Zug noch opulent. Insbesondere aber bei den Außenaufnahmen sticht fast nur CGI ins Auge, was dem Krimi oftmals einen sehr künstlichen Touch verleiht.

Szene aus dem Film Mord im Orient-Express mit Johnny Depp am Tisch.Dennoch ist Branaghs Neuinterpretation zuweilen amüsant und unterhaltsam, auch dem zugrundeliegenden Mordfall wird mehr Dramatik verliehen. Für wen genau Branagh den Film letztendlich gedreht hat, kann diese Neuversion allerdings nicht selbst beantworten. Freunde der Lumet-Version werden weiterhin skeptisch bleiben. Millenials werden bei Depp, Daisy Ridley, Josh Gad und Co. wahrscheinlich nicht aufgeregt ins Kino stürmen, auch wenn sie dann eine süffisante, wenn auch etwas holprige Anknüpfung an ein klassisches Krimi-Abenteuer verpassen.

 

Kritikerspiegel Mord im Orient-Express



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
5/10 ★★★★★☆☆☆☆☆ 


Lida Bach
Pressplay
5/10 ★★★★★☆☆☆☆☆ 


Stefan Turiak
Widescreen, mehrfilm.de
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Durchschnitt
5.5/10 ★★★★★½☆☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du bei uns im Kritikerspiegel.
 



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