KRITIK

Monster

Monster In jedem Leben gibt es mindestens einen Moment, in dem eine kleine Weichenverschiebung das ganze Schicksal verändern kann. Das Tragische an der Biografie der Aileen Wuornos aber, die als erste weibliche Serienmörderin in die Kriminalgeschichte der Vereinigten Staaten einging und vor zwei Jahren hingerichtet wurde, ist die Tatsache, dass sie scheinbar niemals eine Wahl, nie Gewalt über ihr Glück hatte. Auf den Kleinmädchentraum vom Filmruhm folgen Missbrauch, Vergewaltigung, Schwangerschaft, Prostitution. Bereits mit dreizehn Jahren verkauft Aileen ihren Körper, Illusionen kann sie sich da längst nicht mehr leisten. Und später, als sie endlich ihres Opferdaseins überdrüssig ist und handelt, fällt ihr nichts anderes ein, als Täterin zu werden.

Nachdem bereits zwei Dokumentationen über den Aufsehen erregenden Fall der Aileen Wuornos gedreht wurden, hat sich die amerikanische Independent-Filmerin Petty Jenkins nun in ihrem Spielfilmdebüt an den bluttriefenden Boulevard-Stoff gewagt, auf dessen reißerisches Großbuchstaben-Potenzial ja der Titel „Monster“ anspielt. Selbstverständlich geht es der Regisseurin nicht darum, die Frau, mit der sie vor der Hinrichtung Kontakt aufnahm, als mitleidlos mordendes Ungeheuer zu zeichnen. Genausowenig aber, glücklicherweise, glorifiziert sie die Prostituierte zur gefallenen Charles-Dickens-Unschuld. Jenkins sucht nach Erklärungen, nicht nach Entschuldigungen. Ihr raues Porträt gewinnt seine Kraft aus den Widersprüchen, dem Abstoßenden. Spätestens, wenn Aileen einen um Gnade winselnden Freier erschießt, versagt das Verständnis. Um so mehr aber berühren die emotionalen Kämpfe, die sich hinter der wächsernen Miene abspielen, die sie vor Gericht zur Schau trägt. Entsprechend leicht fällt es den Geschworenen, sie als eiskaltes Biest zu verurteilen.

Das ehemalige Model Charlize Theron, auch Koproduzentin, verwandelt sich dieser Frau staunenswert an, hat Gewicht zugelegt, trägt falsche Zähne und Kontaktlinsen. Genau deswegen aber bleibt ihre oscargekrönte Leistung trotz aller Verve eine Masken-Schau. Dem Ansinnen der Regie, ins Innere der öffentlichen Killer-Queen zu blicken, steht sie damit im Weg.



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INHALT

Aileen ist eine saufende, ketterauchende White-Trash-Braut, die sich durch Schroffheit vor Verletzungen zu schützen sucht und breitbeinig wie ein Truckerfahrer durch die Männerwelt stapft. Erst als sie in einer Bar die junge Selby kennen lernt, die ihr Avancen macht, öffnet sie sich zaghaft. Aber auch Aileens erste echte Liebe ist zum Scheitern verurteilt, weil sie als Beschützerin der zarten Freundin übers Ziel hinausschießt und in ihrem Rachefeldzug gegen die erlittenen Demütigungen jedes Maß verliert.
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Eure Kritiken zu Monster

  1. Udo

    Ein herausragender Film mit einer schauspielerischen Glanzleistung von Charlize Theron. Lässt man mal die Vorberichterstattung um die Wandlung der schönen Südafrikanerin Theron weg, hat man es hier mit einem sehr eindlringlichen Film zu tun – klasse!

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