KRITIK

Milk

Milk Sean Penn, Mickey Rourke oder doch jemand ganz anderes? Wenn in der Nacht vom 22. auf den 23. Februar in Los Angeles die Oscars ® verliehen werden, steht ein Gewinner längst fest: Harvey Milk, 1978 ermorderter US-Lokalpolitiker, dem Gus van Sant mit seinem achtfach nominierten Zeitpanorama ein filmisches Denkmal setzt.

Harvey Milk (grandios: Sean Penn) und sein Partner Scott Smith (James Franco) haben von den schiefen Blicken, den Verfolgungen, den Denunziationen in New York die Nase voll und suchen ihr Glück an der Westküste. Sie eröffnen im Arbeiterviertel Castro in San Francisco einen kleinen Fotoladen: „Castro Camera“. Bald wird das Geschäft als Treffpunkt und Nachrichtenbörse zum Mittelpunkt des Viertels, vor allem dank Harvey Milks herzlichen, überschäumenden Temperaments. Es dauert nicht lange, bis der ehemalige Versicherungsvertreter Milk seinen Hang zur Politik entdeckt: Sein Anliegen sind die Interessen der kleinen Leute seines Viertels – und die der schwulen Community.

Ja, es wäre eine schöne Geschichte und auch ein wichtiges Signal des Aufbruchs, des allgemeinen „Change“ um es mit den Worten des neuen US-Präsidenten Barack Obama zu formulieren, wenn „Milk“ den Oscar bekommen würde. Ein Film über einen biederen, homosexuellen Versicherungskaufmann, der im Alter zum Kämpfer für Minderheitenrechte wird und auf öffentlichen Veranstaltungen immer wieder dem Tod ins Auge sehen muss. Ein wichtiges Signal auch, weil abgesehen von nur ganz wenigen Ausnahmen („In and Out“, „Brokeback Mountain“, 2006) sich Hollywood immer noch sehr schwer tut mit dem Thema Homosexualität.

Eine Tatsache, die vor allem Dustin Lance Black, Drehbuchautor von MILK, immer wieder antrieb, über einen Zeitraum von vier Jahren hinweg eine ganze Reihe von Drehbuchentwürfen zu schreiben, um das Leben des Harvey Milk zu einem Filmstoff zu verarbeiten. Ganz bewusst hat Black die Geschichte vom mühseligen Aufstieg des ersten bekennenden Homosexuellen, der in der US-Politik ein öffentliches Amt bekleidete, auf geradezu provokante Weise einfach gehalten. Beginnend mit einigen schwarz-weißen TV-Aufnahmen aus den 60er Jahren, die von einer Polizei-Razzia berichten, wird der fiktionale Teil anhand einer langen Rückblende erzählt, die der 48-jährige Amtsträger im Stadtrat auf sein Tonband spricht. Der Film folgt Milks Worten, was auch erklären kann, warum er keine zweite Perspektive auf das Leben eines Mannes werfen muss, der seine Zeitgenossen durch eine schonungslose Offenheit beeindruckte.

Gus Van Sant, durch Filme wie „Elephant“ und „Last Days“ als einer der radikalsten Filmemacher Amerikas bekannt, lehnt hier jede Art von „Heroisierung“ seiner Titelfigur ab. Seine mit dokumentarischem Material angereicherte Geschichtsstunde steht und fällt (wie so viele Biographien) selbstverständlich mit seinem Protagonisten. Sean Penn trägt diesen Film nahezu auf den eigenen Schultern. Er generiert hier, sichtlich abgemagert, eine gänzlich andere Leinwandperson, als sie seine letzten Filmrollen zeigten. Für diesen Mut und diese Leistung hätten alle Verantwortliche mit diesem aktuellen Thema einen Oscar mehr als verdient.



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INHALT

San Francisco, 1972. Harvey Milk und sein Partner Scott Smith haben vom Leben in New York die Nase voll und suchen ihr Glück an der Westküste. Sie eröffnen im Arbeiterviertel Castro einen kleinen Fotoladen, der bald als Treffpunkt und Nachrichtenbörse zum Mittelpunkt des Viertels wird. Es dauert nicht lang, bis Milk seinen Hang zur Politik entdeckt: Sein Anliegen sind die Interessen der kleinen Leute seines Viertels - und die der schwulen Community. Nach seinem Einzug in den Stadtrat 1977 stößt Milk eine Vielzahl von politischen Initiativen an, womit er sich nicht nur Freunde macht. Einer seiner Gegner entpuppt sich schließlich als Todfeind.
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Eure Kritiken zu Milk

  1. RobbyTobby

    Ein Meisterwerk. Eine großartige Leistung von Sean Penn. Ein tolles Zeitspiegelbild. Ich fühlte mich wirklich in die Zeit zurück versetzt. Unbedingt ansehen.

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