KRITIK

Michael Kohlhaas

Plakat zum Film Michael KohlhaasDa sitzt er, der Rosshändler, hoch zu Pferd, auf einem sturmumtosten Bergplateau. Der Wind reißt an seinen Haaren, und Darsteller Mads Mikkelsen, Dänemarks charismatischster Schauspielstar, starrt entschlossen dem Feind entgegen. Wie kam Kohlhaas da hin? Kohlhaas, geboren „an den Ufern der Havel“? So heißt es jedenfalls in Kleists Novelle, doch Regisseur Arnaud des Pallières hat den Stoff örtlich umgetopft: Bei ihm reitet Kohlhaas durch die südfranzösischen Cevennen des 16. Jahrhunderts, und der Zorn der Gerechten, der ihn voranpeitscht, wird im Film nicht mehr von Luther, sondern von einem namenlosen Theologen (Denis Lavant aus „Holy Motors“) hinterfragt. Von Volker Schlöndorffs Verfilmung des „Kohlhaas“ (1969) ist das ebenso denkbar weit entfernt wie von Milos Formans Kohlhaas-inspirierter Doctorow-Adaption „Ragtime“.

Pallières macht den Stoff zum ingrimmigen, betont sperrigen Kammerspiel. Die himmelweiten Landschaftstotalen und klaustrophobischen Innenraumszenerien seiner kongenialen Kamerafrau Jeanne Lapoirie („8 Frauen“) montiert er hart gegeneinander, während der berühmte Feldzug des Kleistschen Proto-Wutbürgers unerbittlich seiner rechtsphilosophischen Pointe entgegen rauscht.

Dessen Verlauf bleibt werkgetreu: Kohlhaas muss auf dem Weg zum Markt anstelle eines von den Statthaltern des Barons willkürlich geforderten Passierscheins zwei Pferde und einen Knecht (David Bennent) zurücklassen, die prompt misshandelt werden. Der Gang vor Gericht scheitert, bald stirbt Kohlhaas´ Frau. Daraufhin schart der Rosshändler einen Trupp halbseidener Rebellen um sich und zieht los, im Namen des Gesetzes und der Gerechtigkeit, wobei sein Zweck bald alle mörderischen Mittel heiligt. Seine Gegner: der Baron und sein fieser Gouverneur (Bruno Ganz).

Pallières verzichtet auf Ironie und aktuelle Bezüge, konzentriert sich ganz auf den inneren und äußeren Kampf seiner Hauptfigur. Zuschauern auf der Suche nach einer süffigen Literaturverfilmung könnte das zu minimalistisch sein, und tatsächlich schrammt die Regie im Bemühen, jedes Abenteuerkinohafte zu vermeiden, bisweilen an der bloßen Kunstanstrengung vorbei. Doch Mikkelsen, wenn ihm die Fallwinde durch den weiß melierten Kinnbart wehen, fasziniert.

  



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