KRITIK

Michael

Plakat zum Film MichaelFast könnte man auf den Gedanken kommen, dass österreichische Filmemacher des jungen 21. Jahrhunderts für ihr ganzes Land ein psychopathologisches Gutachten erstellen wollen, und „Michael“, das Regiedebüt des ehemaligen Casting Directors von Michael Haneke, wäre ein weiteres, bestätigendes Puzzleteil in diesem wenig charmanten Profil. Nach Natascha Kampusch und Josef Fritzl, nach den Ulrich Seidl-Filmen, von denen „Hundstage“ und „Import Export“ lapidar gesagt noch zu den harmlosesten gehören – und der Tatsache, dass Seidl seit einigen Jahren an einer Dokumentation mit dem bezeichnenden Titel „Im Keller“ arbeitet, in der er das Eigentümliche an österreichischen Kellern herausstellen möchte, falls es das denn gibt – fügt sich „Michael“ in eine gewisse Traditionslinie, die das so verträumt wirkende Alpenland seit geraumer Zeit so beunruhigend erscheinen lässt.

Kurzum: Es geht einmal mehr um Missbrauch und um Keller, verpackt in eine distanzierte, fast klinisch kalte Inszenierung, durch die sich die Geschehnisse mitunter noch furchterregender darstellen. Die äußerst verknappte Ankündigung für den Debütfilm, der überraschenderweise in den letztjährigen Wettbewerb in Cannes eingeladen wurde, deutete lediglich an, das Zusammenleben des 10jährigen Wolfgang und des 35jährigen Michael zu beschreiben. Der Titel verweist aber bereits darauf, dass der Täter hier in den Mittelpunkt gestellt wird.

Szene aus dem Film Michael

(c) FUGU Film

Die Normalität, mit der Michael gezeichnet wird, ist bestechend und bestürzend zugleich: er ist ein durchschnittlich erfolgreicher Versicherungsangestellter, er wird befördert, seine Kollegen laden ihn wie selbstverständlich zum ihrem Skiausflug ein. Natürlich ahnt niemand, dass dieser scheinbar so nette und zuvorkommende Junggeselle einen kleinen Jungen in seinem Keller gefangen hält und regelmäßig missbraucht. Michael Fuith spielt den Pädophilen mit – so seltsam das klingt – beeindruckender Präzision und Selbstbeherrschung. Nie gleitet seine Darstellung in eine Freakshow ab und ist durch die leisen Momente der Repression umso nachhaltiger erschreckend. Brillant.

Die wahre Entdeckung ist jedoch der junge David Rauchenberger in der Opferrolle, der sowohl die Abgestumpftheit des monatelangen Gefangenendaseins wie auch die nur kurz aufblitzende kindliche Hoffnung auf einen positiven Ausgang seiner verzweifelten Lage mit einer Abgeklärtheit spielt, die schier den Atem raubt.

Szene aus dem Film MichaelMarkus Schleinzer hat sich augenscheinlich eine Menge abgeschaut bei seinen vormaligen Arbeitgebern wie Michael Haneke, Jessica Hausner oder Ulrich Seidl. Er vermag es, die emblematischen Inszenierungen der ausgewiesenen Meisterregisseure perfekt zu reproduzieren und verdichtet sie zu einem rasiermesserscharfen Portrait eines Monsters mit menschlichem Antlitz. Das ist fast durchgehend unbequem anzuschauen, aber in seiner Konsequenz auch ebenso faszinierend wie verstörend, denn seine wirkungsmächtigste Strategie ist die der Auslassung, die den wahren Schrecken erst im Kopf des Betrachters entstehen lässt. Nur äußerst selten entgleitet Michael die Kontrolle über die Situation, ebenso selten weicht Schleinzer von seiner distanzierten Beobachtung ab, erzwingt dann aber durch eine kluge Kadrierung oder Montage, dass sich das komplette Grauen außerhalb des Gezeigten abspielt und so – je nach Disposition des Zuschauers – eine eigene Monstrosität entfaltet.

Gerade dadurch, dass „Michael“ weder moralisiert noch psychologisiert, dass er keine offensichtliche Erklärung anbietet, keine Rückblenden einer mitleiderregenden Kindheit instrumentalisiert, also letztlich keine Anzeichen für eine Unzurechnungsfähigkeit oder verminderte Schuldfähigkeit bietet, bleibt der Film bis zuletzt so … unbehaglich. Auch wenn das finale Bild zum denkbar klügsten Moment abblendet, lassen sich die folgende Fassungslosigkeit und das sprachlose Entsetzen problemlos weiterdenken, zu oft hat man die üblichen Reaktionen schon gehört: Er war so nett, so unscheinbar und normal. Aber eben auch fremd, und wer kann schon – außer im Kino – hinter die Fassade blicken. Frei nach Titus Maccius Plautus: Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, nicht ein Mensch, wenn man sich nicht kennt. Ab 26. Januar 2012 in Deutschland im Kino.

  

 



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INHALT

Die letzten fünf Monate unfreiwilligen Zusammenlebens des 10jährigen Wolfgang und des 35jährigen Michael.
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