KRITIK

Messner

Plakat zum Film MessnerÜber den titelgebenden Hochbergsteiger ist eigentlich alles gesagt. 63 Bücher, unzählige Talkshow-Auftritte, nachgestellte Bergdramen in zahlreichen Spielfilmen („Nanga Parbat„, „Nordwand“ etc.)… Eigentlich. Aber wie Reinhold Messner selbst in einem jüngeren Interview mit dem österreichischen Filmjournalisten Matthias Greuling noch einmal vielsagend unterstrich, handelt es sich bei „Messner“ nicht um einen Film von Messner, sondern um einen Film von Andreas Nickel. Genau wie es sich bei Vilsmaiers Bergdrama „Nanga Parbat“ nicht um einen Messner-Film (obwohl angeblich bereits in den 70ern ´in Auftrag gegeben`) handelt, sondern um einen Film von Joseph Vilsmaier. Die Zerwürfnisse zwischen beiden letzteren Bergliebhabern sind bekannt. So versuchte sich Andreas Nickel an einer Gratwanderung. Optisch wie inhaltlich: Zum einen wollte er möglichst viel von der Person Reinhold Messner erfahren, zum anderen wollte er sein eigenes, ungefärbtes Bild vom Südtiroler skizzieren. Eine Gratwanderung, die dem Bergfreund Nickel gelungen ist.

Dass sein Film weder die Bodenhaftung verliert noch zu einem Weihrauch-umfluteten filmischen Denkmal gerät, dafür sorgen nicht zuletzt zahlreiche vom Filmemacher selbst geführten Interviews und sorgsam recherchierte Interview-Aufnahmen von Familienangehörigen und aktuellen sowie ehemaligen Weggefährten Messners. Mit „Über Messner weiß man eigentlich sehr wenig. Ihr werdet´s schon sehn`“, versucht Andreas Nickel gleich zu Beginn – fast entschuldigend – die zahlreichen Stationen und Wendepunkte im Leben des Höhenbergsteigers aufzuarbeiten. Dies geschieht zwar chronologisch aber mit einem schnell erkennbaren roten Faden: Im Vordergrund der Recherche stand die Frage nach dem inneren Antrieb und den äußeren Einflüssen bzw. Widerständen . Geschickt sortiert Nickel dafür alte Super-8-Aufnahmen der Familie, stellt Wendepunkte im Leben des jungen und älteren Messner szenisch nach und visualisiert die Leistung des Höhenbergsteigers immer wieder durch Helikopter-Flüge über bedrohlich wirkende Fels- und Eislandschaften.

Szene aus dem Film MessnerEine Felswand ist für ihn ein Widerstand, den es zu überwinden gilt. Und Widerstände gab es reichlich im Leben des trotzigen Querkopfes. Nicht zuletzt die Strenge des Vaters und der geistlichen Internatserzieher. Durch diese und einer weiteren Ungerechtigkeit in der schulischen Laufbahn habe der Südtiroler einen so großen inneren Antrieb und Drang aufgebaut, dass zuletzt der Ansporn für die Ausflüchte in die Berge von Mal zu Mal gesteigert wurde, vor allem wenn es hieß: „Das schafft niemand, da ist die Grenze. Flankiert wird dieser dramaturgische rote Faden durch eine sehenswerte Animation aller überwundenen Etappenziele (14 überwundene Achttausender), die selbstkritischen Anmerkungen des Protagonisten in einem Interview und vor allem durch die Sätze eines Psychologen – Messners´ Bruder Dr. Hans-Jörg Messner.

„Wie kann ein Bruder einen jüngeren Bruder allein in den Bergen zurücklassen?“. Messner hätte auf diese Frage nicht antworten müssen. Seine Brüder hätten auf diese Frage nicht antworten müssen. Genauso wenig wie Weggefährten und Zeitgenossen. Sie haben es trotzdem getan. „The Times, they are a´changing“ näselt Bob Dylan dazu immer wieder im Hintergrund. Ob aus dem ehrgeizigen Selbstdarsteller und Einsiedler doch noch ein reumütiger Philantrop geworden ist? Andreas Nickel hat mit seinem Porträt und Psychogramm alles versucht, um die Mauern zu durchbrechen und den Menschen hinter den glorreichen Taten zu zeigen. Und in zwei Stunden Film wird ein gutes Stück begreiflicher, warum Messner tut, was er tut. Am Ende kommt Andreas Nickel – Albert Camus zitierend – zu dem Ergebnis: Man muss sich Sisyphus als glücklichen Mann vorstellen. Warum? Weil im scheinbar Sinnlosen in Wahrheit eine tiefe Sinnhaftigkeit steckt.

Nickel ist mit seiner bestimmten aber behutsamen Herangehensweise, den beeindruckenden Luftaufnahmen der Bergwelt und dem sehr umfangreichen Material ein sehenswertes Porträt gelungen, das noch lange nachwirkt.

  

Kritikerspiegel Messner



Lida Bach
kino-zeit.de, Negativ u.v.m.
3/10 ★★★☆☆☆☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Klaus-Peter Heß
Münstersche Zeitung
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 





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