KRITIK

Mein Stück vom Kuchen

Filmplakat zu Mein Stueck vom KuchenWie macht man Komplexes überschaubar? Wie macht man das Unsichtbare sichtbar? Stichwort: Hochfinanz. Wenn schon anerkannte Dokumentaristen wie beispielsweise der Österreicher Erwin Wagenhofer vor dem unüberschaubaren Dickicht des internationalen Finanzhandels kapitulieren („Let´s make money“), wie sollte das einer Sozialkomödie gelingen? Antwort: Gar nicht. Cèdric Klapisch geht den einfachen, den romantischen Weg. Er bricht in seiner neuen Komödie „Ma part du gateau“ die Auswüchse des internationalen Finanzhandels auf die schlichte Gegenüberstellung „Arm gegen Reich“ herunter. Und weil er damit am Ende einen Sieger präsentieren muss, der bereits sehr früh feststeht, versprüht sein Film eher den Geist einer Gewerkschaftstagung als den eines verbildlichten, nonkonformistischen Lösungsansatzes.

Arm gegen Reich steht bei Cèdric Klapisch (der in Deutschland eher durch leichte Komödien wie „… und jeder sucht sein Kätzchen“ oder „L’auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr“ bekannt wurde) für Frau gegen Mann oder Working-Class-Hero gegen Finanzgenie. In der einen Ecke: France (Karin Viard), Angestellte in einer Fischfabrik, geschieden, Mutter von drei Kindern. In der anderen: Stephán, genannt Steve, französischer Finanzmakler in London, geschieden, Vater eines achtjährigen Sohnes.

Klapisch läßt die zwei völlig gegensätzlichen Welten, in denen seine Protagonisten leben, nach eine kurzen Skizzierung in Paris aufeinanderprallen: Nachdem France (für Frankreich) ihre Arbeit verliert, weil die Fabrik, in der sie knapp 20 Jahre arbeitete, längst an einen chinesischen Investor verkauft wurde, wird sie vom erfolgreichen Finanzmakler Steve (bemüht: Gilles Lellouche) als Haushaltshilfe eingestellt. Szene aus dem Film Mein Stueck vom KuchenDer dynamische 36-Jährige hatte sich mit irren Spekulationen in London eine goldene Nase verdient. Sein Chef ist sehr zufrieden mit seinem leitenden Angestellten, hat aber Größeres mit ihm vor: Er solle nach Paris ziehen, dort eine Zweigstelle gründen und – bei Erfolg – zurück nach London kommen, um die Geschäftsleitung der Hedge-Fonds-Agentur zu übernehmen. Ein „Job, nichts für Gutmenschen“, wie ihm sein Vorgesetzter mit auf den Weg gibt. Doch das ist kein Problem für Steve: „Kein Sorge, ich bin böse, Chef. Sehr, sehr böse“, kontert er mit einem Augenzwinkern.

Immer wieder stellt Klapisch die Tätigkeiten seiner späteren Duellanten szenisch gegenüber. Auf der einen Seite die Abstraktion der Finanzwelt, in der in einem Wirrwarr aus Zahlen mit nur einem Mausklick unzählige Schicksale besiegelt und wenige Sieger gekürt werden, auf der anderen Seite die konkreten Tätigkeit einer Putzfrau und Mutter, die sich um so scheinbar profane Dinge wie Essen kochen, Party vorbereiten und mit Kindern spazieren gehen drehen.

Allein den hervorragenden Darstellern ist es zu verdanken, dass die Skizze ihrer Figuren in den klaren gesellschaftlichen Grenzen ihrer Funktionalität, keine leeren Karikaturen bleiben. Vor allem Karin Viard, die bereits in Cèdric Klapischs „So ist Paris“ in der kleinen Rolle einer Bäckereiinhaberin überzeugte, verleiht ihrer Figur eine emotionale Tiefe, mit der sie in den (im Gegensatz zu ihrem Kontrahenten) häufigeren (Leinwand-)Momenten ein ums andere Mal überrascht. Dadurch sind die Sympathien, nicht nur beim Regisseur, klar verteilt.

Szene aus dem Film Mein Stueck vom KuchenNach diesen Gegenüberstellungen, die durchaus reichlich komödiantisches Potenzial in sich bergen, wird die Geschichte zu einer modernen Version von „Pretty Women“ ausgebaut. France, die immer mehr Geld für ihre aufopferungsvolle Arbeit erhält, erliegt wenig später den Avancen ihres jüngeren Arbeitgebers, auch weil sie ihm nach einem missglückten Abenteuer mit einem jungen Model den Kopf gewaschen hatte. Die moderne „Jeanne d´Arc der Working-Class“ verwandelt sich frisch verliebt mit jeder neuen Einstellung nun auch äußerlich in einen schönen Schwan.

Den Verlauf dieser Liebe, den man bis zu diesem Zeitpunkt noch mit einem müden Schmunzeln quittierte, versucht Klapisch im weiteren Verlauf mit dem sprichwörtlichen Holzhammer wieder auf den Boden der (realen) Tatsachen zu holen. Es stellt sich heraus, dass der Luxus und der Reichtum ihres neuen Arbeitgebers, der France zu Anfang so faszinierte, zum Teil auch der Grund ihrer Arbeitslosigkeit ist. In einer weiteren abfälligen Bemerkung, die Klapisch seiner zweiten, mit gröberen Strichen gezeichneten Figur im Drehbuch „verpasst“, um sie damit endgültig als egoistischen, geldgierigen Unsympath zu brandmarken, wird aus der Liebes- plötzlich eine Hassbeziehung. France entführt in einer Übersprunghandlung den jungen Sohn von Steve und trampt mit ihm von London an die französische Atlantikküste, zurück nach Hause, nach Dünkirchen.

Hätte man bis zu diesem Zeitpunkt den französischen Filmemacher Klapisch noch wegen seines zumindest lohnenswerten Sujets loben können, verärgert er seine Fans im letzten Kapitel mit einer albernen Figurenzeichnung, die nur auf eine Unentschlossenheit oder gar Ängstlichkeit des Regisseurs schließen lässt. Dieses Unbestimmte ist letztendlich der schale Nachgeschmack eines ansonsten eher harmlos konstruierten Duells zweier Personen aus unterschiedlichen Schichten, in einem Sozialdrama, das sich wie seine Protagonisten letztendlich nicht entscheiden kann. Geld oder Liebe? Drama oder Romanze? Alles oder nichts? Ohne Sieger und herunter gebrochen auf diesen simplen Nenner bleibt am Ende für die Beleuchtung dieses diffizilen Themas nur eins zurück: eine unbefriedigende Leere.

 

Kritikerspiegel zu Mein Stück vom Kuchen



Dimitrios Athanassiou
Moviemaze.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
4/10 ★★★★☆☆☆☆☆☆ 


Sascha Westphal
epd film, Die Welt, FR
1/10 ★☆☆☆☆☆☆☆☆☆ 


Durchschnitt
4/10 ★★★★☆☆☆☆☆☆ 





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INHALT

Als France ihren Job in Dünkirchen verliert – die Fabrik, in der sie seit 20 Jahren arbeitet, wird geschlossen – wagt sie den Schritt in die französische Hauptstadt. Sie hat Glück im Unglück und findet schnell eine Stelle als Reinigungskraft bei dem Börsenhai Steve, der zwischen London und Paris pendelt. Unterschiedlicher können zwei Menschen nicht sein: Hier die tatkräftige Mutter von drei Töchtern, die jeden Cent umdrehen muss, dort der zynische Geschäftsmann, der in schwachen Momenten in Selbstmitleid ertrinkt. Trotzdem entwickeln die beiden Sympathien füreinander. Denn France ist nicht nur eine gute Zuhörerin, sie kümmert sich auch liebevoll um Steves kleinen Sohn. Und auch Steve hat durchaus liebenswerte Züge. Als France ihren Boss auf einer Geschäftsreise nach London begleitet, verbringen sie die Nacht miteinander. Doch schon am nächsten Morgen ist nichts mehr wie zuvor, denn France erfährt, dass Steve hinter der Schließung der Fabrik in Dünkirchen steckt. France wittert eine Chance, sich zu rächen…
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