KRITIK

Mein Leben als Zucchini

Bild (c) Polyband Filmverleih.

Wie einst die Langspielplatte als Trägermedium in den 90ern galt auch der Stop-Motion-Film mit Voranschreiten der Computeranimation (in den 80ern) als Auslaufmodell. Die Nische wurde immer kleiner und kleiner. Doch in den letzten Jahren erlebt die Technik (wie auch die Langspielplatte) eine regelrechte Renaissance. Und es sind wieder einmal die echten „Handwerker“, die Puristen, die sich in Zeiten von digitalen CGI-Overkills an diese Tricktechnik erinnern. An eine Technik, die so alt ist wie der Film selbst. Der in der Schweiz geborene Illustrator Claude Barras ist so ein Purist. Nach zahlreichen Stop-Motion Kurzfilmen stellte Barras seinen ersten Langspielfilm im Mai 2016 auf den Filmfestspielen in Cannes vor und sammelte seitdem Preise wie andere Filmemacher gutgemeinte Ratschläge. Und das mit Recht. Denn sein „Ma vie de Courgette“, wie sein Debüt im Original heißt, hat alles, was ein Meisterwerk braucht.

Nach mutigen Stop-Motion Filmen wie „Nightmare before Christmas“, „Mary and Max„, „Der fantastische Mr. Fox“ oder zuletzt „Anomalisa„, Filme, die in erster Linie „ernsthafte“ Probleme ansprechen und damit ein ganz anderes Zielpublikum bedienen als die „bekannteren“ Trickfilme wie „Wallace & Grommit“, „Shaun das Schaf“, „Chicken Run“ und Co., gelingt Claude Barras mit seiner Geschichte über einen 9-jährigen Waisenjungen die schwierige Gratwanderung, sowohl das ganz junge als auch das etwas ältere Publikum für seine Geschichte begeistern zu können.

Das ist jedoch nicht nur sein Verdienst, sondern auch der Verdienst von Drehbuchautorin Céline Sciamma, die die Romanvorlage „Autobiographie d’une courgette“ von Gilles Paris auf sehr sehenswerte 66 Filmminuten destillierte und dennoch im Kern sehr komplex für einen Stop-Motion-Film umgeschrieben hat. Im Gegensatz zu Claude Barras ist Céline Sciamma im Übrigen keine Unbekannte im Filmbusiness. Die Französin hatte vorher die Drehbücher unter anderen für die großartigen Filme „Tomboy“ und „Girlhood“ verfasst.

Unter diesem wunderbaren, kreativen Duo präsentiert sich hier der 9-jährige Icaré, der den Spitznamen Zucchini trägt, und der nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter in dem kleinen Kinderheim von Madame Papineau landet. Eltern von sehr feinfühligen Kleinkindern sollten übrigens vor dieser Prämisse vielleicht doch lieber einen anderen Film wählen, denn ein Kinderfilm, der mit dem doch etwas makabren Tod der Mutter der Hauptfigur beginnt, beweist zwar eine große Portion Mut, dürfte aber für die Allerkleinsten einen Schock darstellen, der nur langsam oder vielleicht gar nicht mehr verdaut wird.

An der Hand des Polizisten Raymond muss sich Zucchini nun in einer neuen Welt zurecht finden. Das Einzige, was ihm von Zuhause geblieben ist, sind ein Drachen und eine Bierdose. Nun muss er sich statt mit einer ständig alkoholisierten Mutter mit dem frechen Simon, der überängstlichen Béatrice, der schüchternen Alice, dem zerzausten Jujube und dem verträumten Ahmed zusammenraufen. Und alle haben – wie er – bereits viel erlebt, auch viel Schlimmes.

Claude Barras und Céline Sciamma lassen jedoch nie einen Zweifel daran, dass das Alleingelassenwerden, die Ausweglosigkeit und die einzelnen Schicksale der Kinder im Waisenhaus von Madame Papineau Ausgangspunkte für einen spannenden Start in´s Leben sein können. Denn trotz aller Unterschiede und unterschiedlicher Schicksale geben sich die Kinder stets einander Halt. Und ihre führsorglichen Betreuer sorgen für den passenden Rahmen. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase stößt die mutige Camille dazu, und Zucchini ist plötzlich zum ersten Mal verliebt.

Barras bringt in diesen Momenten in den großen Augen seiner (Knet-)Figuren mehr Leben und mehr Gefühl zum Ausdruck als es jeder „reale“ Jungdarsteller transportieren könnte, in diesen Momenten wird weder verkitscht noch zu sehr auf die Tränendrüse gedrückt, die Balance stimmt in jeder der unzählig vielen Einstellungen. Mit dem großartigen Einfall (aus der Vorlage), dass die taffe Camilles schnell das Herz von Zucchini erobert, ihre gemeine Tante aber plant, das Mädchen wegen des Pflegegeldes zu sich zu holen, nehmen Tempo und Herz-Schmerz-Rhytmus noch einmal deutlich an Fahrt auf und man könnte den beiden Waisenkindern noch stundenlang beim Planen und Aushecken zuschauen.

Zwölf Preise gab es für dieses herzergreifende Debüt bereits (u.a. Bester Animationsfilm Europas 2017), weitere werden folgen. Denn selten hat man mit mehr Leichtigkeit bedrückende Themen in einem Trickfilm umgesetzt gesehen, selten hat eine zu Herzen gehende Geschichte so sehr zahlreiche Herzen jeden Alters berührt (wie auch in meiner Vorstellung). Dringende Empfehlung, für mich ab 6 Jahren.

 

 

Kritikerspiegel Mein Leben als Zucchini



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Lida Bach
pressplay, title-magazin
10/10 ★★★★★★★★★★ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Christian Gertz
nadann... Wochenschau, mehrfilm.de
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Durchschnitt
8.5/10 ★★★★★★★★½☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen gibt es in unserem monatlichen Kritikerspiegel.

 

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