KRITIK

Mein halbes Leben

Mein halbes Leben Früher gerieten gestandene Angestellte noch mit Mitte Vierzig in die Midlife-Krise. Deren zentrale Frage lautete: „Das soll jetzt alles gewesen sein?“ Heute, im Casting- und Controlling-Zeitalter, hat sich längst die Quarterlife-Krise durchgesetzt, und schon der 30. Geburtstag bietet Anlass zu niederschmetternder Bilanz. Die hat am besagten Tag auch der Österreicher Marko Doringer gezogen: Kein fester Job, Studium abgebrochen, keine Frau, Kinder sowieso nicht, dafür Psychotherapie, Neid und Selbstmitleid. Klingt grausam? Ist es nicht.

Filmemacher Marko Doringer schnallt sich eine Kamera auf den Kopf und zieht los, um als angenehm ironisch-distanzierter „Forscher“ bei strebsameren Menschen nachzufragen, wie das denn nun so geht mit dem Glücklichsein. Doch die Freunde von einst, die es nach landläufiger Meinung alle schon „zu etwas gebracht“ haben, entpuppen sich beim Wiedersehen als ebenso unzufrieden: Der erfolgreiche Sportjournalist hasst seinen Job, der Manager hockt die ganze Woche in Bulgarien und sieht seine Kinder nie, die Modedesignerin scheitert daran, Arbeit und Kinderwunsch zu synchronisieren.

Wer wissen will, was die Generation der Thirtysomethings umtreibt, wer ihre vermeintliche Luxus-Not verstehen möchte, wie bloß in einer Welt voller Optionen das Glück zu finden sei, der ist in dieser preisgekrönten, ebenso witzigen wie nachdenklichen Doku richtig.

Gerade im Spiegel der Elterngeneration, die auf heutige Freiheiten ebenso besorgt wie bisweilen neidisch blickt und trotzdem die sichere Rente zum Fluchtpunkt allen Strebens erklärt, schärft sich das zerfahrene Profil der heute 30-Jährigen. Die bekommen, scheints, ihr Dasein nicht in den Griff. Obwohl sie doch alles haben. Vor allem: die Wahl.



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INHALT

Wenn man es heute mit 30 nicht geschafft hat, ist alles vorbei behauptet Regisseur Marko Doringer. Der Filmemacher hat eine Lebenskrise, aber sonst nicht viel: Er ist 30, hat nichts erreicht was zählt und soeben den ersten Backenzahn verloren. Der Verfall hat begonnen, die Jugend ist zu Ende. Was kann jetzt noch kommen, bevor es vorbei ist? Marko bricht zu einer sehr persönlichen Forschungs-Reise auf. Er besucht alte Freunde und Freundinnen, seine Eltern und deren Freunde.
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