KRITIK

Mein Freund Knerten

Plakat Mein Freund KnertenVierzehn Filme buhlten auf dem KinderFilmFest im Oktober 2010 in Münster um die Gunst des jungen Kinopublikums. Zwei davon lieferten sich am Ende ein heißes Kopf-an-Kopf-Rennen um den Sieg: Asleik Engmarks „Mein Freund Knerten“ und Mogens H. Christiansens „Timetrip – Der Fluch der Wikingerhexe“, der später als Sieger hervorging. Die jüngsten Juroren auf dem Filmfest hatten der Fantasy-Geschichte um ein Geschwisterpaar den Vorzug gegegeben. Sicherlich auch, weil die Abteilung „Fantasy“ in den letzten Jahren mit zahlreichen Figuren, Geschichten und Filmen wie „Buffy“, „Harry Potter“, „Herr der Ringe“ oder auch „Twilight“ die Nase vorn hat bei den jungen und jüngsten Kinobesuchern.

Beide Filme zeigen jedoch, wie hoch die Qualität der skandinavischen Kinderfilme im Vergleich zu den deutschen zur Zeit ist. Einen großen Anteil daran hat auch die Tatsache, dass der Kinderfilm in Skandinavien institutionell in die Filmförderung und – viel wichtiger noch – in die Filmforschung eingebunden ist. In Deutschland werden sowohl Kinderfilm als auch Kinderbuch kaum von der wissenschaftlichen Forschung begleitet. Deshalb entstehen in den letzten Jahren in Skandinavien und nicht in Deutschland so hervorragende Kinderbücher wie die Geschichten vom „Kleinen Freund Knorzel“, auf dem Asleik Engmarks „Mein Freund Knerten“ basiert. In der ersten Episode der Knerten-Geschichte von Kinderbuchautorin Anne-Catharina Vestly (es folgten weitere) geht es um den sechsjährigen Lillebror (toll: Adrian Groennevik Smith), der mit seiner Familie aufs Land zieht. Dazu gehören sein Vater, ein Dessous-Verkäufer (Jan Gunnar Roise), seine Mutter (zunächst Hausfrau, Pernille Sörensen) und sein geliebter älterer Bruder Philip (Petrus A. Christensen).

Szene aus Mein Freund Knerten (c) PolybandAus Mangel an Spielkameraden freundet sich Lillebror mit einem imaginären „Freund Knerten“ an, einem Ast (toll animiert), der mit seinem Entdecker fortan allerlei Abenteuer erleben wird. Regisseur Åsleik Engmark erzählt die Erlebnisse innerhalb der neuen Umgebung konsequent aus der Perspektive des kleinen Lillebror. Damit erinnert die Erzählung ein wenig an Astrid Lindgrens „Michel aus Lönneberga“, auch weil sich Regisseur Engmark des nostalgischen 60er-Jahre-Charmes der ersten Lindgren-Verfilmungen bedient. Haus, Umgebung, Auto, Familie, alles scheint ein wenig zeitlich-entrückt. Erst als Lillebror die neue häusliche Umgebung verlässt, um beispielsweise mit seiner Mutter in die Stadt zu fahren oder einem Schreiner bei der Arbeit zu zuschauen, wirkt die Atmosphäre realistischer, ja manchmal sogar etwas düsterer.

Szene aus Mein Freund Knerten (c) PolybandDem Drehbuch von Brigitte Bratseth gelingt es hervorragend, die episodenhafte Vorlage von Anne-Catarina Vestly in einen kindgerechten Erzählrhythmus zu verwandeln. Auch, weil sie konsequent aus der kindlich-naiven Perspektive Lillebrors erzählt, die sich nicht nur in der Kameraarbeit (Ari Willey), sondern auch in der in der Musik widerspiegelt. Die behutsame Filmmusik von Jan Rörmark vermittelt dazu meist eine sehr heitere Atmosphäre, sie darf im Wald jedoch auch mal geheimnisvoll-bedrohlich klingen. Auf diesem hohen qualitativen Level verzeiht man dem Regisseur auch die ironischen Überschreitung des Kinderfilm-Kontextes oder die Zitate aus anderen Filmgenres. Diese tauchen immer wieder auf, sobald der Ast Knerten die Hände des jungen Lillebrors verlässt. Beispielsweise in einer Szene, in der Lillebrors neuer Freund Begehrlichkeiten bei zwei Dorfmädchen weckt und der Regisseur das Unverständnis Lillebrors gegenüber diesen Mädchen in Bilder übersetzt, die an Szenen aus evil-twins-Horrorfilmen erinnern.

„Erwachsene haben keine Fantasie“, muss der kleine Lillebror anfangs feststellen, als er den „sprechenden“ Ast Knerten entdeckt. Dass dem nicht so ist, zeigt Engmarks Adaption des norwegischen Kinderbuchklassikers von Anne-Catharina Vestly, der Werte wie Vertrauen, Unterstützung, Freundschaft und natürlich auch Spaß vermittelt. Und weil dieser, zusammen mit Lillebrors Abenteuerlust, in diesem kunterbunten Familienabenteuer mit dem 60er-Jahre-Charme nie zu kurz kommt, nervt auch das dauerpräsente Motto „Gib niemals auf!“ nicht zu sehr. Vielmehr ist „Mein Freund Knerten“ eine sehr sehenswerte Ode an die Phantasie und ein großartiger Film. Nicht verpassen!



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INHALT

Lillebror zieht mit seiner Familie raus aufs Land. Hier ist das Leben zwar nicht so teuer, einfacher ist es aber trotzdem nicht. Schon gar nicht ohne neue Freunde zum Spielen. Da fällt direkt vor Lillebrors Füße ein Zweig - Knerten, ein phantastisches, lustiges Zweigmännchen und ein echter Freund. Knerten ist der perfekte Begleiter für Lillebrors Entdeckungsreisen durchs Dorf, in den Wald und hinter die nächsten Hügel. Er hat vor fast gar nichts Angst, nur Ameisen, Feuer und Mädchen findet Knerten etwas gefährlich. Lillebror dagegen findet Prinzessin Tiny auf ihrem Pferd Pegasus ziemlich interessant...
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  1. Pingback: Kritik Rezension Filmkritik Mein Freund Knerten Asleik Engmark Adrian Grønnevik Smith, Petrus Andreas Christensen, Norwegen, 2009 | mehrfilm.de » rollkon-portal.eu

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