KRITIK

Medicus, Der

Bild (c) UPI Media

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Ungefährlich ist es sicherlich nicht, Bestseller zu verfilmen. Die Erwartungshaltung zahlreicher LeserInnen ist oft schier übermächtig. Vor allem, wenn es sich dabei um ein derart beliebtes Buch wie Noah Gordons Historienschmöker „Der Medicus“ handelt. Das war in Europa viel erfolgreicher als in Gordons amerikanischer Heimat und wurde allein in Deutschland mehr als sechs Millionen Mal verkauft. Entsprechend vorsichtig hat TV-Erfolgsproduzent Nico Hofmann aus dem Stoff einen Zweieinhalbstundenfilm für die große Leinwand anfertigen lassen, von Regisseur Philipp Stölzl („Goethe!“), der für risikofreies Historienkino bekannt ist. Die prächtige Ausstattung und die eingestreuten Wüstenpanoramen haben Hollywoodformat, mit internationaler Voraussicht wurde sogar in englischer Sprache gedreht. Doch trotzdem wirkt der Film piefig.

Vielleicht liegt es daran, dass er arg hastig durch den Roman hetzt. Brav chronologisch wird die im hexengläubigen 11. Jahrhundert angesiedelte Geschichte vom Engländer Rob (schön und blass: Tom Payne) erzählt, dessen medizinisches Talent sich schon im Kindesalter andeutet und der an der Seite eines „Baders“ die ersten Kniffe lernt. Später reist er, per Selbstbeschneidung zum Juden umoperiert, ins persische Isfahan, wo er am Hof des Schahs Student des berühmtesten Arztes seiner Zeit wird. Ben Kingsley spielt diesen Ibn Sina mit gütiger Weisheit auf Gandhi-Autopilot.

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Die verschiedenen Binnen-Abenteuer werden dabei im dahinplätschernden Gestus der üblichen Fernseh-Eventfilme aneinandergereiht: Huch, meuternde Fundamentalisten! Oh je, ein Sandsturm! Wie schrecklich, die Pest! Hinzu kommt die (im Roman nicht vorhandene) Liebesgeschichte zu einer spanischen Jüdin, die exakt so verläuft, wie sie in derlei Kontexten immer verläuft: vorübergehend tragisch.

Handwerklich gekonnt schnurrt diese mittelalterliche Klischee-Geschichte ab, ohne größere Überraschungen, alles ist mittel-spannend, mittel-romantisch, mittel-blutig. Störungsfreier Konsum ist also garantiert, wenn der Film im Weihnachtsfernsehen 2015, vielleicht als Zweiteiler, seine eigentliche Bestimmung findet: Zwischen Kaffeetasse und Stollenresten, zwischen Helene Fischer und Marietta Slomka wird er dann die Winterseelen der Deutschen wärmen. Lawrence von Arabien reitet längst woanders.

 




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Eure Kritiken zu Medicus, Der

  1. Jan Kliemann

    Ich denke, die Kritik ist etwas zu harsch. Sicher, es handelt sich um einen deutschen Film; und das merkt man. Es fehlt eben etwas bis zur Hollywood-Epik. Aber dennoch muss man sagen, dass er nicht ganz so platt ist, wie manche andere Fernsehverfilmung. Vor allem die Musik hat wirklich starke Momente, die ich nicht erwartet hatte. Alles in Allem hatte ich überhaupt sehr geringe Erwartungen. Vielleicht war das auch mein Vorteil. Und das Buch ist bei mir auch schon 10 Jahre her. Dennoch würde ich sagen, dass es sich hier um ein überdurchschnittliches deutschstämmiges Epos handelt…

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