KRITIK

Match Point

Match Point
Ein Tennisball schlägt auf die Netzkante, prallt ab und dreht sich für eine endlos lange Sekunde in der Luft, bevor die Entscheidung fällt, ob er als Glückstreffer im Feld des Gegners landet oder zum Punktverlust führt. Es ist purer Zufall, der über Sieg oder Niederlage richtet, werden die pragmatischen Menschen sagen. Es ist Schicksal, entgegnen die ewigen Bedeutungssucher. „Der Sterne Tennisbälle“ heißt so hübsch sinnverwandt ein Roman von Stephen Fry, der wiederum mit funkelnder Boshaftigkeit beschreibt, wie schicksalhaft Zufälle wirken können. Eben davon handelt auch der jüngste Film von Woody Allen, der sich den wankelmütigen Tennisball zur Metapher für all jene unkontrollierbaren Momente nimmt, von denen Wohl und Wehe eines Lebens abhängen.

Allen hat „Match Point“ in London gedreht und schwärmt seither von der herrlich regenverhangenen Stimmung der Stadt, die seinem melancholischen Gemüt gerade recht komme. Zumindest hat die Metropole ihn zu seinem besten Werk seit Jahren inspiriert. Der New Yorker Regisseur erzählt die Geschichte des jungen Parvenüs Chris Wilton (Jonathan Rhys-Meyers), dessen Talent nicht ganz zum Profitennisspieler gereicht hat und der nun in einem noblen Londoner Club als Trainer anheuert. Auf diesem Wege lernt er den in jeder Hinsicht begabten Dandy Tom Hewett (Matthew Goode) kennen, ein Spross aus bestem Hause, und verliebt sich alsbald in dessen Schwester Chloe (Emily Mortimer). Protegiert vom zukünftigen Schwiegervater Alec Hewett (Brian Cox), steigt Chris in der Gesellschaft auf und scheint von nun an ein klischeegerechtes Upper-Class-Leben vor sich zu haben.

Doch vor die Sorglosigkeit haben die Götter die Leidenschaft gesetzt. Chris wirft ein Auge auf Toms verführerische Freundin Nola Rice (Scarlett Johansson), eine erfolglose amerikanische Schauspielerin, und setzt Glück und Karriere aufs Spiel.

Der Fortgang dieser brillanten Gesellschaftssatire ist, ohne zuviel verraten zu wollen, Dostojewskis „Schuld und Sühne“ entlehnt (in neuerer Übersetzung schlicht „Verbrechen und Strafe“) und wundervoll schicksalsmächtig von den Opernarien Giuseppe Verdis beflügelt, etwa aus „La Traviata“, „Rigoletto“ und „Macbeth“.

Der von Jonathan Rhys-Meyers mit beachtlicher Kühle und gänzlich ohne alleneske Allüren verkörperte Emporkömmling verstrickt sich da in ein Netz aus Ambition, Begierde und Betrug, das verhängnisvoll zu werden droht. „Match Point“ fasziniert gleichermaßen als Spiegel einer werteentleerten Hautevolee und als philosophische Kriminalgeschichte über den Zufall, der keine Moral kennt.

Woody Allen, der zuletzt wie ein erfolgsverwöhnter Star-Musiker nur sein Repertoire variierte, gewinnt hier neue Verve und lässt nebenbei seinen Wortwitz funkeln wie lange nicht. Der Film ist elegant und mitreißend wie ein Wimbledon-Finale, für Allen heißt es am Ende Spiel, Satz und Sieg.



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INHALT

In seiner Eigenschaft als neuer Trainer eines superedlen englischen Clubs freundet sich Ex-Tennisprofi Chris mit dem aus allererstem Hause stammenden Tom Ewett und dessen Verlobter Nola an. Obwohl er in Wahrheit nur Augen für Nola hat, lässt er sich auf eine Beziehung und schließlich sogar Ehe mit Toms Schwester Chloe ein - schon, um stets in Nolas Nähe sein zu können. Als die Ehe von Tom und Nola in die Brüche geht, stehen unangenehme Wahrheiten an.
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Eure Kritiken zu Match Point

  1. ihr spinnt wohl

    ihr spinnt wohlihr spinnt wohl

  2. Raspa

    Woody´s back! Zugegeben: Allens letzte Filme waren zwar teilweise ganz amüsant, aber keine wirklich großen Würfe.Nun aber Match Point: Es kommt einem so vor, als hätte Woody eine Vorlage von Patricia Highsmith genommen und sie mit seiner speziellen Kunst der Charakterskizzierung verschmolzen. Fabelhafte Schauspieler helfen ihm, einen überaus unterhaltsamen Film hervorzubringen, in dem nur das Opernmotiv – ein früherer Tennisprofi aus einfachen Verhältnissen schwärmt ausgerechnet für italienische Opern! – ein wenig forciert wirkt. Man hätte auch so gemerkt, dass es bei aller Leichtigkeit der Inszenierung um die ganz existenziellen Fragen geht. Sonst aber : Klasse!

  3. nico

    eher schwach..bis zur „ring“-szene nahm man an einer klassischen affäre mit seinen brodelnden konsequenzen teil. „allen-like“ dialoge gab es viel zu wenig, der bezug zur opern-dramatik war meiner meinung nach zu undefiniert (und dieser traum, in dem er die toten sah.. na ja..). mir fehlte definitiv eine intensivere charakterspiegelung. die auflösung des ganzen war nun doch interessant gemacht, ben der bezug zur rahmenidee. aber das reichte dann doch nicht für mehr als 3 punkte.

  4. anne

    überraschtja, ich war überrascht, hatte ich mir aufgrund einiger kritiken doch etwas ganz anderes vorgestellt. aber der effekt war positiv. angefangen mit der wirklich guten besetzung über die irrsinnige wendung und das überraschende ende, fand ich allans fähigkeit, den zuschauer mit dem ‚bösewicht‘ sympathisieren zu lassen, ganz erstaunlich. der film gefällt nicht jedem – vielleicht ganz gut so…

  5. tine

    ich weiss es einfach nicht.leider habe ich diesen film in einem ausverkauften multiplexkino gesehen und war arg genervt von der riesenleinwand, den hintergrundgeräuschen etc. … daher war ich erstmal nicht so richtig begeistert als ich aus dem kino kam .. nun, mit 3 wochen dazwischen, erinnere ich mich aber an immer mehr sachen sehr positiv .. was ich mich schon in der vorberichterstattung fragte: warum wird jonathan rhys-meyers so ignoriert in den kritiken? ich fand seinen sehr eigenen ausdruck SEHR passend für die rolle .. es ist schon ein guter film mit sehr dichter atmosphäre .. auch wenn einem diese nicht unbedingt immer sympathisch ist. ich glaube das ist mein hauptproblem mit diesem film: ich mag filme wo ich mich mit irgendjemandem oder irgendwas identifizieren kann, das fehlte mir hier. aber anschauen lohnt sich in jedem fall!

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