KRITIK

Martha, Marcy, May, Marlene

Plakat zum Film Martha Marcy May MarleneWell she, she`s just a picture / Who lives on my wall / With a smile so inviting and a body so tall / She, she´s just a picture / Just a picture, that´s all.” Mit diesen Zeilen beginnt “Marcy´s Song”, den John Hawkes eines Tages als charismatischer Sektenführer Patrick anstimmt, um das scheue Reh Martha zu becircen. Er nennt sie Marcy May und umschmeichelt sie, bietet ihr Geborgenheit und vermittelt ihr das Zusammengehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe Gleichgesinnter. Er versucht, ihr Halt zu geben. Erst spät im Film ist diese vermeintliche Idylle zu sehen, eine auf den flüchtigen Blick unschuldig anmutende Kommune im Wald, friedlebende Hippies womöglich. Dass diese falsche Fährte schon von Beginn an zerstört wird, ist der cleveren Montage von Regisseur und Drehbuchautor Sean Durkin zu verdanken, der die Flucht der jungen Frau aus dem Camp direkt an den Anfang setzt und die extensiven Erinnerungen an die Hinterwäldler-Hölle im weiteren Verlauf einstreut.

Zwei Jahre lang war Martha ohne Nachricht und Lebenszeichen verschwunden, als sie mit panisch zitternder Stimme bei ihrer Schwester anruft. Sie will nichts davon erzählen, was ihr widerfahren ist, bevor Lucy und ihr Mann sie bei sich aufnehmen. Nur die tief sitzende Verstörung ist ihr anzumerken und eine permanente Angst, die Vergangenheit könnte sich materialisieren und erneut zur fatalen Gegenwart werden. Eine unheilvolle Atmosphäre liegt auch über den Bildern von Lucy und Teds Haus an einem einsamen, nebelverhangenen See, die weitestgehende Stille auf der Tonspur wirkt umso bedrückender. Misstrauen und ehemals unausgesprochene Schuldzuweisungen vergiften die ungeplante Familienzusammenführung und es ist eine perfide Strategie von Sean Durkin, die Momente der vermeintlichen Rettung und Rückkehr zur Normalität so beschwerlich und klaustrophobisch zu zeichnen und sie gleichzeitig mit sonnendurchfluteten Erinnerungen an hoffnungsvolle Anfangstage in der Sekte zu konterkarieren.

Szene aus dem Film Martha Marcy May MarleneElizabeth Olsen, die weitaus Talentierteste des Clans, füllt ihre erste Hauptrolle aufopferungsvoll und mit beeindruckender Präsenz aus. Ähnlich ihrer Kollegin Jennifer Lawrence, bekannt aus “Winter´s Bone”, kann man hier ihrer Starwerdung beiwohnen. Und einmal mehr zeigt John Hawkes als Gegenpart sein lange Zeit unterschätztes Talent zum darstellerischen Understatement.

Schleichend nimmt Patrick Besitz von Martha beziehungsweise Marcy Mays Verstand, ebenso von ihrem Körper, so wie er es bereits bei den anderen Sektenmitgliedern vollzogen hat. In die pazifistisch anmutende Gemeinschaft mischen sich auch zusehends militaristische Züge und unter dem schönen Schein verbirgt sich eine kaum verschlüsselte Manson-Family-Allegorie, die ebenso psychotische Anwandlungen offenbart. Vieles in “Martha Marcy May Marlene” bleibt unausgesprochen und es ist ein Verdienst der klugen Inszenierung und eines eindrucksvollen Ensembles, dass die Ambivalenzen des Stoffes nicht glattgebügelt werden, sondern eine eigentümlich traumverhangene Faszination in sich tragen.

 

Kritikerspiegel Martha, Marcy, May, Marlene



Lida Bach
u.a. film-zeit.de, kino-zeit.de, titel-magazin
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Carsten Happe
Der Schnitt
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
7.5/10 ★★★★★★★½☆☆ 



 



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