KRITIK

Mann ohne Vergangenheit, Der

Mann ohne Vergangenheit, Der Wenn Aki Kaurismäki Fernseh-Interviews gibt, was selten genug vorkommt, meint man während des Gesprächs seinem Gesicht stets jene stille Weltverzweiflung abzulesen, die Mickey Rourke in der Bukowski-Verfilmung „Barfly“ einst so wundervoll in Worte fasste: „Ich hasse die Menschen nicht. Aber ich fühle mich wohler, wenn keine da sind.“
Meist trinkt der finnische Regisseur vor jeder Antwort einen Schluck Bier, schweigt lange und spricht dann an der Kamera vorbei Sätze wie: „Es wird soviel geredet heutzutage und sowenig gesagt.“
Kaurismäki, der seinen Ekel vor der Geschwätzigkeit und Geschwindigkeit unserer Zeit nie verbergen wollte, kokettiert nicht etwa mit dem Image des lakonisch-versoffenen Steppenwolfes, er lebt es und hegt einen verständlichen Widerwillen dagegen, seinen einsilbigen Werken erläuternde Monologe folgen zu lassen. Vier Jahre lang hat Kaurismäki nicht gedreht, zuvor kam sein Liebesmärchen „Juha“ ins Kino, der letzte Stummfilm des 20. Jahrhunderts, der in seiner Schlichtheit so vollendet erschien, dass die Fortführung dieses Minimalismus tatsächlich den Verzicht aufs Bild bedeutet hätte.
„Der Mann ohne Vergangenheit“ aber will den Weg des Überdrusses nicht bis ins Nachtschwarze hinein verfolgen, vielmehr belebt Kaurismäki hier in ungeahnt beschwingter Form und in nostalgisch strahlendem Technicolor einige der Motive, die ihn und seine verschrobenen Rinnstein-Helden berühmt gemacht haben.
Aki Kaurismäki, der Schöpfer der proletarischen Trilogie, bebildert hier eine Gesellschaft im Bankrott und sinniert mit melancholischer Klarsicht darüber, was es bedeutet, ein Niemand zu sein. Indes blitzt dabei ein so herzerwärmender Humanismus, ja sogar ein Optimismus auf, wie Kaurismäki ihn seit „Wolken ziehen vorüber“ nicht mehr zugelassen hat. Den Gescheiterten bleibt der Rock ’n‘ Roll zum Trost.
In diesen verschworenen Kreisen der Erniedrigten und Beleidigten erweist einer dem anderen wie selbstverständlich jede Gefälligkeit und fordert dafür bloß eine winzige Gegenleistung: „Wenn du mich mal finden solltest, mit dem Gesicht in der Gosse · dreh mich auf den Rücken!“



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INHALT

Ein Namenloser, überfallen und ausgeraubt nach einer Zugfahrt und von den Ärzten für tot erklärt, findet sich plötzlich erinnerungslos in einem zweiten Leben wieder. Er siedelt sich in einem Schrottcontainer am Flussufer an, mit Kleidern versorgt von der Heilsarmee und bald auch mit der scheuen Liebe einer Heilsarmistin.
Mit Zähigkeit, Phantasie und Überlebenswillen kehrt er ins Leben zurück. Bis er, versehentlich eines Banküberfalls verdächtigt, identifiziert wird. Muss er nun zurück in seine frühere Welt, an die er sich immer noch nicht erinnern kann?
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