KRITIK

Man muss mich nicht lieben

Man muss mich nicht lieben Vermarktet wird dieses französische Kleinod wie einer jener x-beliebigen Tanz- und Musikfilme mit Feel-Good-Garantie, die in der Regel von Hausfrauen und Studienräten aus der Toskana-Fraktion besucht werden. Dabei wird Stéphane Brizés erstem Film seit sechs Jahren dabei Unrecht getan. Gewiss, es wird auch getanzt darin, aber das beschränkt sich auf wenige, übrigens sehr gelungene Szenen. Der Rest ist ein Charakterporträt der besonders anrührenden Art.
In dessen Mittelpunkt steht Jean-Claude Delsart (Patrick Chesnais), ein müde wirkender Mann Anfang Fünfzig, der nicht so wirkt, als erfreue er sich seines Daseins. Sein Job als Gerichtsvollzieher konfrontiert ihn immer wieder mit Elend, das er noch elender macht: Er lässt Wohnungen räumen oder übermittelt Bezahlfristen. Oft hinterlässt er zerstörte Leben; kein Wunder, dass ihm das keine Freude bringt. Alles andere ist auch nicht toll: Sein Vater (Georges Wilson) sitzt verbittert im Altersheim. Jean-Claude ist das einzige seiner Kinder, das ihn noch besucht – dennoch beschimpft er ihn jeden Sonntag beim lustlosen Monopoly-Spiel. Eine Frau hat Jean-Claude nicht (mehr?), aber einen Sohn (Cyril Couton), der auch gerade der Gefahr zu erliegen droht, sein restliches Dasein als Gerichtsaktenlocher in Vaters Büro zu fristen. Als ihm noch die Pumpe zu versagen droht, schlägt der Arzt Alarm: Jean-Claude muss sich dringend mehr bewegen. Dem trägen Beamten fällt nichts anderes ein, als sich in die Tanzschule gegenüber zu bequemen und dort einen Tango-Kurs zu belegen. Möglicherweise war dies die wichtigste Entscheidung seines öde gewordenen Lebens.

Im Kurs lernt er eine junge Frau (Anne Consigny aus „Die Frau des Leuchtturmwärters“) kennen, die sich rätselhafterweise von ihm angezogen fühlt und in die er sich natürlich verliebt. Nach einiger Zeit kommt es zum ersten leidenschaftlichen Kuss. Doch dann muss Jean-Claude erfahren, was der Zuschauer längst weiß: Fanfan, so heißt sie, ist verlobt und steht kurz vor der Hochzeit mit einem verkrachten Schriftsteller. Auch ihr Leben scheint nicht glücklich. Doch Jean-Claude zieht sich zurück – obwohl es für einen Neubeginn, eine Neuordnung nicht zu spät ist.

Stéphane Brizé inszeniert seine leise Liebes- und Lebensgeschichte minimalistisch, in grobkörnigen Bildern, mit vielen Auslassungen und ganz konzentriert auf das beeindruckende Spiel der Beteiligten. Sowohl die Chemie zwischen Jean-Claude und Fanfan stimmt, als auch die Charakterisierung der Nebenfiguren. Der Schleimer im Tango-Kurs, die neugierige Sekretärin, der Vater, der Sohn: in wenigen prägnanten Sequenzen erzählen sie unermesslich viel über das Lebensuniversum dieses fast eingeschlafenen Schreibtischtäters. Auch eine einzige griffige Szene genügt, um Fanfans Familiensituation nachhaltig klarzumachen. Derart ökonomisches Erzählen, getragen von brillanten Schauspielern, ist auch im französischen Kino nicht alltäglich. Umso schöner, dass im Kino jetzt mal wieder Gelegenheit dazu besteht, sich davon begeistern zu lassen. Wenn’s der Tango war, der dem Film auf deutsche Leinwände geholfen hat, sei’s ihm gedankt. Und die Toskana-Fraktion im Vorführsaal nehmen wir gerne in Kauf.



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INHALT

Einen leidenschaftsloseren Protagonisten als den fünfzigjährigen Jean-Claude kann man sich kaum vorstellen. Und durch seinen Beruf wächst er dem Publikum auch nicht gerade ans Herz. Der hagere Trauerkloß ist Gerichtsvollzieher. Gleich in der ersten Szene sehen wir ihm dabei zu, wie er einer verzweifelten und hilflosen Frau ungerührt den Räumungsbefehl für ihre Wohnung zustellt. In seiner Kanzlei arbeitet er wie ein Automat, und nur wenn abends in den Räumen gegenüber der Tangokurs stattfindet, probiert er zögerlich und mit einer rührenden Ernsthaftigkeit ein paar Tanzschritte auf dem Parkettboden seines Büros aus.

Sein Hausarzt sorgt sich um seine Herz und rät ihm zu mehr Bewegung. Deshalb nimmt er bald nicht nur als Zaungast an den Lehrstunden teil, zu denen auch Francoise, kurz Fanfan, kommt, die Jean-Claude als Sohn ihres ehemaligen Kindermädchens wiedererkennt. Diese will nur ein paar Tanzschritte lernen, damit sie auf ihrer Hochzeit beim ersten Tanz eine gute Figur abgibt. Eigentlich sollte auch ihr Verlobter mittanzen, aber der hat immer wichtigeres zu tun, und so versäumt er die Worte des Tanzlehrers und achtet nicht auf seine Dame - mit dramatischen Konsequenzen.
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Eure Kritiken zu Man muss mich nicht lieben

  1. Wolfram

    Eine kleine aber feine Ode an die Beredsamkeit. Man will den Hauptdarsteller oft schütteln und wachrütteln. „Tue es endlich, Jean-Claude!“ Doch dann entdeckt man, dass man selbst vielleicht auch so vorsichtig reagiert hätte. Ein klasse Film!

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