KRITIK

Magnolia

Magnolia Was haben ein sterbender, älterer Mann, ein Sexguru, ein einsamer Polizist, eine von Drogen gekennzeichnete junge Frau, ein Quizshow-Teilnehmer und diverse andere Charaktere gemeinsam? Außer, dass sie in diesem Film in Los Angeles leben wohl nicht viel. Oder etwa doch? Genau diese Frage wird im Laufe des 180-minütigen Meisterwerks „Magnolia“ beantwortet. Und viele andere auch.

Paul Thomas Anderson, der seinen großen Durchbruch zwei Jahre zuvor mit „Boogie Nights“, einem Ensemblefilm über die Pornoindustrie der 70er und 80er, feiern konnte, baut in „Magnolia“ noch mehr Charaktere und somit noch mehr Schicksäle als in seinem Vorgängerfilm ein und stellt bereits in den ersten zehn Minuten in wunderbaren Sequenzen fest, um was es geht: Die Grenzen zwischen Schicksal und Zufall. Gibt es „Zufall“ überhaupt?

Die famose Verbindung verschiedenster Charaktere liefert dem Zuschauer nicht nur viele, genial geschrieben und mitreisende Geschichten, sondern auch so etwas wie eine subtile Antwort dieser Frage: Nein, Zufälle gibt es nicht! Wie sonst ist es zu erklären, dass die Geschehnisse im Leben so vieler verschiedener Menschen, von denen sich nur wenige persönlich kennen, so eng zusammenhängen?
Auf ersten Blick könnte die Handlung „Magnolias“ an einen Klassiker der 90er, „Short Cuts“ von Robert Altman erinnern. Doch schnell wird einem bewusst, dass Paul Thomas Anderson (oder PTA, wie er in Fankreisen genannt wird) sich auf andere Dinge konzentriert. Der zweite Akt, falls man einen Film wie diesen überhaupt von verschiedenen „Akten“ reden kann, schließt mit einem orkanartigen Hagelregen, der anscheinend in ganz L.A. stattfindet. Kurios dabei ist jedoch, dass es sich nicht um klassische Hagelkörnern, sonder um Frösche handelt. Die Bibel lässt grüßen! Mit solch einer Szene liefert PTA automatisch den beweis für die Hauptquelle seiner Geschichte. „Magnolia“ aber nur als eine Thematisierung biblischer Werte, Geschichten und Geschehnisse zu betrachten, würde diesem Film keineswegs genügen. Auch den Film nur religiösen Menschen und Bibelkennern zu empfehlen, wäre reinster Humbug. In „Magnolia“ geht es darum, was uns Menschen im Kern ausmacht und wie wir, die Menschen, miteinander verbunden sind. Egal ob man nun an so etwas wie ein religiöse Schicksal glaubt oder nicht, es wird einem schwer fallen nach diesen 3 Stunden Unterhaltung noch an Zufälle zu glauben.

Die Länge des Films ist, schon wie bei „Boogie Nights“, nicht als dessen Schwäche, sondern große Stärke anzusehen. Keine Szene scheint unnötig und dank der häufig wechselnden Szenen und somit Wechseln der Geschichten der handelnden Charaktere bleibt gar keine Möglichkeit den Film als langweilig abzustempeln.

Größtes Lob gebührt aber dem Ensemble. Die meisten kennt man bereits aus „Boogie Nights“: Julianne Moore, Philip Seymour Hoffman, William H. Macy und John C. Reilly wären hierbei besonders zu nennen. Sie übertreffen sich mit ihren Performances in „Magnolia“ selbst, was man auch von dem größten Star des Films, Tom Cruise behaupten kann. Egal was man von Cruise als Schauspieler hält: Jemand anderen in dieser Rolle zu casten wäre bestimmt ein Fehler gewesen. Zu Recht gab es eine Oscarnominierung für ihn, wobei diese Ehre auch jeder andere Darsteller aus „Magnolia“ verdient gehabt hätte.

Besonders schade an der Tatsache ist, dass es nur bei Nominierungen blieb. Leider ist auch Aimee Mann leer ausgegangen. Sie liefert (gemeinsam mit Score-Komponisten Jon Brion) einen genialen Soundtrack ab und ihre Songs, vor allem „Save me“ und „Wise Up“, sind wichtiger Bestandteil des Gesamtkunstwerks „Magnolia“.

Hut ab vor 180 Minuten Topunterhaltung, tollen darstellerischen Leistungen und einer Inszenierung eines jungen Regisseurs, der wohl spätestens mit diesem Film zu den Besten der Besten in Hollywood gezählt werden kann.



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INHALT

Im Film werden die Geschichten von neun in Los Angeles lebenden Menschen miteinander verbunden. Der Faktor Zufall spielt hierbei eine entscheidende Rolle, was schon im Vorspann mit drei kleinen Episoden erklärt wird. Der Sprecher sagt: „Ich glaube an solche Zufälle, sie passieren täglich.“

Claudia Wilson Gator hat aufgrund ihres Kokainkonsums die Kontrolle über ihr momentanes Leben verloren. Ihr Vater, der krebskranke TV-Veteran Jimmy Gator, moderiert die Fernsehshow "What do kids know?", in der das von seinem Vater rücksichtslos nach oben gepuschte Wunderkind Stanley dem Sendungsrekord entgegenarbeitet. Dieser Rekord ist noch in den Händen des inzwischen um 31 Jahre gealterten und erwachsen gewordenen Donnie Smith, der unbedingt eine Zahnspange bekommen möchte, die er sich aber gar nicht leisten kann, weil ihm sein Arbeitgeber fristlos kündigt.

Der an Lungenkrebs erkrankte Fernsehpatriarch Earl Partridge liegt im Sterben, seine bedeutend jüngere Frau Linda Partridge wird von Schuldgefühlen wegen ihrer Untreue zu ihm geplagt. Der Krankenpfleger Phil Parma bemüht sich, Earls Wunsch zu erfüllen, seinen Sohn ein letztes Mal zu sehen: „Frank T.J. Mackey“, der als Sex-Guru arbeitet. Frank aber hat vor Jahrzehnten mit Earl gebrochen, nachdem dieser ihn und seine todkranke Mutter verlassen hatte.

Der einsame Polizist Jim Kurring verliebt sich bei einem Einsatz in die nervöse Claudia, die versucht, sich ihm zu öffnen, obwohl sie massive Probleme mit Männern hat. Der Junge Stanley macht sich bei der Live-TV-Show in die Hose, weil man seinen Wunsch, auf die Toilette zu gehen, nicht ernst nimmt. Claudias Vater Jimmy erleidet während der Show einen Zusammenbruch. Die Sendung wird abgebrochen, ohne dass ein Kandidat gewonnen hätte. Stanleys Vater stellt seinen Sohn zur Rede. Den Tod vor Augen, erzählt Jimmy zuhause seiner Frau, dass Claudias Feindseligkeit ihm gegenüber daran liegt, dass sie denkt, er habe sie als Kind sexuell missbraucht, er aber könne sich an nichts erinnern. Daraufhin verlässt sie ihn.

Der Ex-Kinderstar Donnie sieht derweil keinen anderen Ausweg aus seiner finanziellen Zwangslage, als Geld aus dem Firmensafe zu stehlen. Als er vom Firmengelände wegfährt, überkommen ihn Zweifel. Linda bringt es nicht fertig, Earl beim Sterben zuzusehen und flieht mit dem Auto. Sie versucht sich mit Tabletten umzubringen, ein kleiner Junge aber ruft einen Krankenwagen. Jim Kurring verliert inzwischen seine Dienstwaffe und verzweifelt an seinem Leben: ohne Claudia kann er nicht leben, ohne Dienstwaffe kein guter Polizist sein. Auf die Bitte des Pflegers Phil hin kommt Frank tatsächlich zu seinem Vater Earl ans Krankenbett.

Der Krankenwagen mit Linda gerät ins Schleudern und kippt um. Jimmy Gator versucht sich zu erschießen, was nicht gelingt, weil in dem Moment, als er abdrückt, durchs Oberlicht ein Frosch auf die Waffe fällt. Seine Frau sucht mittlerweile die Tochter Claudia auf und nimmt diese während des Froschregens in ihre Arme. Stanley sitzt an seinen Büchern und staunt über die Frösche. Donnie wird beim Wiedereinsteigen in die Firma verletzt und vom vorbeifahrenden Jim gerettet. Frank macht Earl an dessen Krankenbett heftigste Vorwürfe, Earl aber, durch Morphium betäubt, entschläft ohne ein verständliches Wort.

Im Nachspiel nach dem Regen: Als Jim mit sich selbst hadert, ob es nicht seine Aufgabe gewesen wäre, Donnie zu verhaften, fällt seine verlorene Dienstwaffe vom Himmel. Jim hilft Donnie dann, das Geld wieder in den Safe zurückzubringen. Stanley nimmt all seinen Mut zusammen und bittet seinen Vater, in Zukunft netter zu ihm zu sein. Frank besucht die nicht allzu schwer verletzte Linda im Krankenhaus. Am Ende des Films besucht Jim Claudia, die zum ersten Mal glücklich aussieht.


(Quelle: Wikipedia.de)
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