KRITIK

Mademoiselle Chambon

Mademoiselle Chambon Maurer liebt Lehrerin, vergebens. So könnte man Stéphane Brizés neuen Film zusammenfassen, und inhaltlich sehr viel mehr hat er tatsächlich nicht zu bieten. Muss er auch nicht. Denn Brizé, der zuletzt in „Man muss mich nicht lieben“ einen verknöcherten Gerichtsvollzieher die Freuden des lateinamerikanischen Tanzes kennenlernen ließ, inszeniert hier vor allem großes Schauspielerkino.

Vincent Lindon (glänzte zuletzt als Schwimmlehrer in „Welcome“) und Sandrine Kiberlain (die tatsächlich seit zehn Jahren nicht mehr in deutschen Kinos zu sehen war) spielen das verhinderte Liebespaar mit mitunter flirrend spürbarer Intensität – gewiss gespeist durch den Umstand, dass die beiden tatsächlich neun Jahre lang ein Paar waren und ihre Annäherung nun gleichsam rückwirkend rekapitulieren.

Dies freilich unter gänzlich anderen Vorzeichen. Denn Lindon spielt den „einfachen“ Maurer Jean und Kiberlain die feinsinnige Lehrerin Véronique – ein Klassengegensatz, der aber nur eine untergeordnete Rolle spielt und eher zu etwas überdeutlichen Kontrasten führt, wenn etwa der patente Mörtelrührer dem versonnenen Violinenspiel der Akademikerin gegenübergestellt wird.

Bedeutsamer ist, dass Jean nicht frei ist für diese Liebe – und nicht frei sein will. Er hat eine schöne Frau (Aure Atika, „Versailles“), die er aufrichtig liebt, mit ihr einen elfjährigen Sohn, ein Familienidyll, an dem Brizés Inszenierung keine Risse duldet. Umso tragischer, dass Jean sich in die Lehrerin seines Sohnes verliebt und damit in Sphären gerät, von deren Existenz er nichts ahnte, tragischer noch, dass die Liebe erwidert wird, am tragischsten dann, dass sich lange keiner traut, dem anderen dies zuzugestehen. Jean will seine Familie nicht gefährden, Véronique sie nicht zerstören.

So bleibt diese Liebe eine virtuelle, inszeniert in Sehnsuchtsbildern sinnender, träumernder, trauernder Menschen – manchmal dabei so nah am Plot-Stillstand, dass es ungeduldigere Naturen dabei aus dem Sessel treiben könnte. Brizé aber kann sich voll und ganz auf seine zwei, nein: eigentlich drei starken Hauptdarsteller verlassen, in deren Augen, Gesten und Regungen sich der eigentliche Film abspielt, ein sehr leises, sehr unaufgeregtes, und gerade deshalb stark nachwirkendes Drama. Übrigens weniger darüber, wie ein anderes Leben in der Möglichkeitsform aussehen könnte, sondern eher über die immer wieder neu zu realisierende Ungeheuerlichkeit, dass es ein solches Leben im Konjunktiv überhaupt geben kann.



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INHALT

Jean ist ein herzensguter Mensch: ein guter Handwerker, ein guter Sohn, ein guter Vater und ein guter Ehemann. Sein ruhiger Alltag zwischen Familie und Arbeit gerät völlig durcheinander, als er eines Tages Mademoiselle Chambon, der Lehrerin seines Sohnes, begegnet. Jean, ein eher wortkarger Mensch, tritt in eine ihm vollkommen unbekannte Welt ein. Es werden Gefühle in ihm wach, die er bislang so nicht kannte.
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