AKTUELL IM KINO

Loving Vincent

Plakat zum Film Loving Vincent mit Vincent van Gogh Schulterblick.

Bild (c) 2017 Weltkino Filmverleih.

In Zeiten, in denen das Kino auf 3D-Effekte setzt, sowie erste Regisseure die Möglichkeiten von „Virtual Reality“ ausloten, gehen Hugh Welchman und Dorota Kobiela in die diametral andere Richtung. Sie besinnen sich in „Loving Vincent“ auf eine fundamental zweidimensionale Kunstform: die Malerei. Dies geschieht in einer äußerst radikalen Verknüpfung von Form und Inhalt, um das Schaffen des titelgebenden Vincent van Gogh zu zelebrieren. Vor den Augen des Zuschauers lernen „seine Bilder laufen“.

Um die Geschichte, die sich um die letzten Tage des Künstlers und seinen Tod dreht, in diesem Sinne zu erzählen, arbeiteten über 100 Maler in einem aufwendigen Prozess daran, den fertig gedrehten Film in einer Reihe von insgesamt 853 Ölgemälden zu reproduzieren. Alle handgemalten Einzelbilder wurden daraufhin zusammengeschnitten. Demnach handelt es sich technisch gesehen um einen Animationsfilm (und wurde als solcher auch von den Golden Globes und bei den Oscars berücksichtigt). Mit quietschbunter Pixar-Ästhetik hat „Loving Vincent“ aber so viel zu tun wie Jackson Pollock mit Landschaftsmalerei.

Der Film ist in weiten Teilen durchaus farbenfroh. Doch aufgrund der Ölfarben verschwimmen die Konturen leicht. So schimmert permanent die Vergänglichkeit des Augenblicks durch. Damit reflektiert jede Szene die tiefsitzende Trauer des Künstlers, die ein großes Thema darstellt. Nicht nur seine Kunst auch die Person van Gogh wurde häufig missverstanden. So wie es vielen Menschen auch heute noch ergeht, die unter Depressionen leiden. In Rückblenden, die klassisch in schwarz-weiß gehalten sind, werden die letzten Wochen seines Lebens nacherzählt. In diesen Szenen bringt der polnische Schauspieler Robert Gulazcyk (als Motion-Capture-Vorlage) die Selbstzweifel und selbstzerstörerischen Tendenzen seines Charakters eindringlich auf die Leinwand.

Szene zum Film Loving Vincent mit Douglas Booth.Wie ist van Gogh zu Tode gekommen? Das möchte Armand Roulin (Douglas Booth), der Sohn eines Freundes von ihm, klären. Mit der Aufgabe, einen Brief von Vincent an seinen Bruder Theo zu überbringen, war Armand in das kleine Dorf Auvers-sur-Oise gekommen. Doch je mehr er sich mit den Bewohnern dort unterhält, desto mehr überkommen ihn Zweifel, ob sich der Maler tatsächlich selbst erschossen hat. Denn die Geschichten um Vincent van Gogh widersprechen sich fundamental.

Mit dem Grundgerüst der Erzählung diskutieren Hugh Welchman und Dorota Kobiela in „Loving Vincent“, vergleichbar mit „Citizen Kane“ von Orson Welles, wie sehr das Bild einer Persönlichkeit der Vergangenheit erst in der Gegenwart konstruiert wird. Jeder Charakter, mit dem Armand spricht, hat einen anderen Blickwinkell zum Tathergang. Dazu kommen versteckte Hintergedanken, um zum Beispiel Vincents Geschichte dazu zu nutzen, jemand anderes in einem schlechten Licht darzustellen. Hugh Welchman und Dorota Kobiela erlauben sich, diese Vielzahl an Perspektiven als eine große, fragmentierte Collage stehen zu lassen. Anstatt den Anspruch zu stellen, eine objektive Biographie zu liefern, stellen sie die Frage, ob Objektivität überhaupt möglich ist.

Die große Aufklärung bleibt aus, obwohl der Film in seiner Struktur sonst durchaus an eine Agatha Christie-Verfilmung erinnert. Welchman und Kobiela betonen lieber die Ambivalenzen, die sich in jeder Biographie finden lassen. In einer Szene erklärt der Arzt Mazery (Bill Thomas) dem jungen Armand, dass es seiner Meinung nach gar kein Selbstmord gewesen sein konnte, da der Einfallswinkel der Kugel nicht zu dieser Erklärung passt. An dieser Stelle vermeiden Hugh Welchman und Dorota Kobiela einen möglichen Abstecher in verschwörerische Gefilde. Plötzlich wirkt Vincent van Gogh wie John F. Kennedy.

Szene aus dem Film Loving Vincent mit einer Brücke an einem Fluss.Der äußerst stringent erzählte Plot steht im großem Gegensatz zum ungewöhnlichen Design. Dieser Widerspruch löst sich nie völlig auf. Über weite Strecken ist man so fasziniert von den Bildern und ihrem Detailreichtum – „Vincent liebte Details“ bemerkt die undurchschaubare Margeruite (wie immer toll: Saoirse Ronan) – dass man verleitet wird, die Geschichte außer Acht zu lassen. Der Grad, auf dem „Loving Vincent“ läuft, ist schmal wie ein Pinselstrich, denn die Erzählung birgt die Gefahr, den Zuschauer zu verlieren. Während zum Beispiel die Ergriffenheit von Margeruite wesentlich ist, kann man als Zuschauer nicht so leicht mitfühlen, da die filigrane Technik zu sehr ablenkt. Als kleine, feine Nuancen von Emotionen im Bild erscheinen, wie die leicht wässrigen Augen von Saoirse Ronan, fragt man sich nur: „Wie haben sie das gemacht?“

Ebenso einnehmend ist die Dynamik, die den Bildern innewohnt. Aufgrund der fließenden Konturen ist Stillstand ein Fremdwort. Dazu werden vor allem die Übergänge von der Gegenwartsgeschichte hin zu den Rückblenden mit viel Elan inszeniert. Es entsteht stets eine Art Wirbel, der die Zeit durcheinander zu bringen scheint. Das bestehende Bild zerfließt in einem Moment und setzt sich im nächsten wieder zusammen.

Szene aus dem Film Loving Vincent mit einer Inneneinrichtung einer Gaststätte.Von daher ist „Loving Vincent“ visuell zweifellos ein Ereignis. Der Bilderrausch, der wie ein psychedelischer Museumsgang wirkt, hält jedoch gerade wegen seiner technischen Brillanz den Betrachter auch auf Abstand zu seinen Charakteren und der Geschichte. Am meisten berührt das Schicksal von van Gogh selbst. Dies liegt vor allem daran, dass die Schwarz-Weiß-Bilder so gut sind, dass sie wie Szenen aus einem Noir-Film wirken. Die stilistische Gestaltung bleibt in diesen Momenten im Hintergrund. So kann Robert Gulazcyks´ Spiel mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Trotz dieser Einschränkungen ist „Loving Vincent“ ein einzigartiges Werk, das zeigt, dass sich visuelle Innovationen nicht auf CGI-Effekte beschränken müssen. Es lohnt sich auch, zurückzublicken. Welchman und Kobiela demonstrieren, wie die grundlegendsten Mittel der filmischen Bildkomposition, zum Beispiel Einstellungen, Perspektive und Farbgebung, auf die Malerei zurückzuführen sind. Damit verbeugen sie sich vor der Leistung von kreativen Vordenkern wie van Gogh.

 

Kritikerspiegel Loving Vincent



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Lida Bach
pressplay.de, Title-Magazin
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Christian Gertz
Nadann ... Wochenschau, mehrfilm.de
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Durchschnitt
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen findest Du bei uns im Kritikerspiegel.



Ähnliche Beiträge:

Dieser Beitrag wurde unter Aktuell im Kino, Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kritik schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*