KRITIK

Love me

Love me Wo die triste, durch eine rosarote Brille betrachtete Lebenswirklichkeit Gabrielles dabei an ihre Grenzen stößt, und wo die Hirngespinste der zu Ohnmachten neigenden Frau Gestalt annehmen, ist bisweilen nur schwer auszumachen. Erinnerungsprojektionen ihrer Waisenhaus-Kindheit vermischen sich mit Sequenzen, in denen sie Zwiesprache mit ihrer verwahrlosten Mutter hält. Zeitebenen und Örtlichkeiten wechseln bisweilen so sprunghaft wie die Launen der farbenfroh gewandeten Borderline-Persönlichkeit. Klar erscheint lediglich, dass Gabrielle Rose, die zu Beginn allein am Strand zu den Klängen von Elvis Presleys „Heartbreak Hotel“ tanzt, von der Erfüllung ihrer Wünsche so weit entfernt ist wie Frankreich von Amerika. „I’m so lonely, I could die.“
Regisseurin L‘titia Masson, die nach „Haben (oder nicht)“ und „Zu verkaufen“ nun zum dritten Mal die famose Sandrine Kiberlain ins Zentrum ihrer Geschichte rückt, legt es nicht darauf an, jedem ihrer wunderbar kitschverliebten Cinemascope-Bilder eine entschlüsselbare Bedeutung zu verleihen. Und doch entsteht aus dem Verwirrspiel das in der Rückschau bezwingend stimmige Porträt einer traumatisierten Schwärmerin. Wie Sandrine Kiberlain dieser fragilen Figur mit wenigen Gesten Größe verleiht, wie sie zwischen resignativer Anmut und jähem Absturz changiert, ist berauschend.
Nicht minder staunenswert aber spielt Johnny Hallyday. Der Chansonnier, dem nie der Durchbruch in den USA gelang, besticht durch seine melancholiemüde Seele. Etwa wenn er, der Groupies überdrüssig und von Exzessen gezeichnet, Gabrielle gesteht, zu viel genossen, zu viel geliebt zu haben. Eine Nacht verbringen sie zusammen. Mehr „Love me tender“ ist hier nicht möglich. Patrick Wildermann



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INHALT

Gabrielle Rose ist eine Traumwandlerin zwischen Fantasie und Fantasterei, die in einem Wohnwagen am Strand der Bretagne lebt, sich von der Federboa bis zu den Schuhen in Pink kleidet, trotz Trinkseligkeit als Kellnerin arbeitet und in sehnsüchtigen Minuten das Poster ihres Lieblingssängers Lennox anhimmelt, dessen von rauchig-schmachtendem Timbre getragene Elvis-Interpretationen sie zumindest vorübergehend in ihr persönliches El Dorado Graceland entführen.
Doch als es Gabrielle tatsächlich ins ferne Memphis verschlägt und sie in einem dunstverhangenen Nachtclub dem französischen Star begegnet, erfahren ihre Illusionen angesichts des ausgebrannten und abweisenden Lennox einen schmerzlichen Realitätsbruch. Vielleicht aber hält ein unbekannter Matrose, den sie einige Zeit später kennen lernt, was er verspricht: eine gemeinsame Zukunft im exotischen Taipeh.
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