KRITIK

Lord of War – Händler des Todes

Lord of War - Händler des Todes Ein neuer Trend im demokratischen Hollywood? Auch dieses bittere Actiondrama reiht sich auf gewisse Weise in die aktuelle Riege politkritischer Filmproduktionen aus den USA ein. Nach der Golfkriegssatire „Jarhead“ und noch eine Woche vor der Ölmafia-Analyse „Syriana“ geht es im neuen Film des Regisseurs Andrew Niccol (Schöpfer der düsteren Sci-Fi „Gattaca“) um den internationalen Waffenhandel. Bürgerkriege, Mafiabanden, Kindersoldaten: Die Liste der damit assoziierten Schrecknisse ist lang, und man hätte sicher ein episches Panorama aus verschiedensten Opfer-, Täter- und Beobachter-Perspektiven daraus stricken können (wie das etwa „Traffic“ mit dem Thema Drogen tat), doch Niccol zieht den weniger üblichen Täterblickwinkel vor und erzählt den Film ganz aus der Sicht des gewieften Waffenhändlers Yuri Orlov.

Damit gibt er von Anfang an einen mitunter schwer erträglichen, ultrazynischen Tonfall vor: Da wird dann schon im Vorspann der Transportweg einer Patrone von der Fabrik bis in einen Kinderkopf nachvollzogen; und ähnlich brutale, schonungslose Momente wird es im Verlauf der zwei Stunden mehrfach geben. Nicolas Cage spielt den Orlov so deftig über Normal Null wie eh und je, nur dass er hier eben nicht „Das Vermächtnis der Tempelritter“ sucht, sondern bloß das ganz große Geld. Das gelingt dem ukrainischstämmigen New Yorker Kleinganoven, als Gorbi die UdSSR abwickelt und ihm damit neue Märkte eröffnet. Sein Motto („Du wirst erst zum Global Player, wenn du Waffen an jene verkaufst, die ihr eigenes Volk damit erschießen!“) ist sehr nützlich, als er mit dem (fiktiven) liberianischen Diktator Baptiste (Eamonn Walker aus „Tränen der Sonne“) ins Geschäft kommt. Orlov wird zum Multimillionär, dem massenhaftes Bürgerkriegsblut an den Händen klebt.

Es ist durchaus grauenhaft, einer nicht unsympathischen Hauptfigur folgen zu müssen, die solch rücksichtslosen Profitinteressen nachgeht. Aber Schufte sind eben auch faszinierend, zumal wenn sich in ihnen wie in Orlov am Ende doch ein kleiner Funke von Gewissen regt. Natürlich nützt es letztlich nichts, und man muss mitansehen, wie es sowohl mit Orlovs kokssüchtigem Bruder Vitaly (Jared Leto aus „Alexander“) als auch mit seiner Frau, dem Ex-Topmodel Ava (Bridget Moynahan aus „I, Robot“) den Bach hinuntergeht. Immerhin versteht es Niccol sehr versiert, einen kompetenten Thriller um das Geschehen zu stricken, inklusive einiger etwas aufgepfropfter Handlungsstränge um einen Interpol-Agenten (Ethan Hawke, „Taking Lives“), der Orlov jagt, und um einen Nestor des internationalen Waffenhandels (Ian Holm, „Aviator“), der als moralisches Gegenwicht herzuhalten hat. Leider fällt Niccol zu den Polit-, Militär- und Wirtschaftsverstrickungen des globalen Waffenhandels nur recht Diffuses, um nicht zu sagen: Oberflächliches ein. Wäre das anders, wie etwa in „Syriana“, ließe sich der bei aller edlen Absicht zurückbleibende fragwürdige Eindruck insgesamt wohl leichter tilgen. So aber verbinden sich schwarzer Humor, Actionfilm und Polit-Message nicht wirklich glücklich zum überzeugenden Ganzen.



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INHALT

Yuri Orlov fühlt sich zu Höherem berufen, als in einem Restaurant zu arbeiten. Er steigt vom Kleinkriminellen zum gefürchteten internationalen Waffenhändler auf, zu dessen Klientenliste auch blutrünstige Diktatoren zählen. Das bringt ihm Geld, Frauen und Drogen, aber auch die ungewollte Aufmerksamkeit des Interpol-Agenten Valentine ein. Dieser heftet sich für ein nervenaufreibendes Katz- und Mausspiel verbissen an Yuris Fersen.
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Eure Kritiken zu Lord of War – Händler des Todes

  1. Sneaker

    Absolut Klasse! Sehr sarkastisch, sehr schwarz und böse…. Ein Highlight der Sneak-Preview!

  2. tine

    was für ein unglaublich zynischer film, tut weh, vor allem wenn man drüber nachdenkt, dass es in wirklichkeit alles viel schlimmer ist. kein schöner film, aber ein verdammt wichtiger.

  3. Polemi

    Knallhart und böse, sind wohl die herausragenden Attribute. Immer wenn der zynische Humor einen vergessen lässt, dass ein ernstes Thema verhandelt wird, holt einen die schockierende Gewalt auf den Boden der Tatsachen zurück. Spätestens nachdem Nicolas Cage selber zur Wumme greift, um den Widersacher auszuschalten, weiß man, dass Thomas Hobbes recht hat.

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