KRITIK

Logan – The Wolverine

Bild (c) 20th Century Fox Germany.

Im Sommer des Jahres 2000 hatte Brian Singer mit seinem ersten „X-Men“-Film eine neue Ära eingeläutet. Eine Comicverfilmung wie ein Veto gegen die Konformität. Superhelden im „Hier und jetzt“, in der „realen Welt“. Siebzehn Jahre und unzählige Ableger später stehen viele Blockbuster-Zuschauer dem Genre nun kritischer und ermüdet gegenüber. Dennoch sind Spiderman, Captain America, Doctor Strange und Co. wohl oder übel jedes Jahr aufs Neue immer noch ernsthafte Konkurrenten um die Gunst des Kinozuschauers. Dabei nahm Singer seine Figuren durchaus ernst, kristallisierte Parallelen zwischen Mutanten-Diskriminierung und Feindseligkeiten gegenüber Minderheiten heraus. Er verhalf dem Genre damit zu so etwas wie Bodenhaftung und gesellschaftliche Relevanz, die das Publikum trotz eines sichtbaren und verhältnismäßig niedrigen Budgets ansprach, während auch die Action nicht zu kurz kam.

Neben all diesen Errungenschaften war „X-Men“ auch ein Karrieresprungbrett für den damals noch unbekannten Hauptdarsteller, das australische Musical-Talent Hugh Jackman. Außerdem bescherte die Comicreihe Patrick Stewart – nach seiner Karriere als Sternenflotten-Captain der USS Enterprise – einen zweiten Frühling, der bis heute anhält. Neben dem Briten Sir Ian McKellen entwickelten sich insbesondere diese beiden erst genannten Schauspieler zu den größten Stars des X-Men-Universums. Wehmütige Fan-Fanfaren sind demnach erwünscht, denn wie Jackman und Stewart auf ihren Presse- und Promo-Terminen verlauten ließen, soll es sich bei „Logan – The Wolverine“ um ihre letzten Auftritte im X-Men-Universum handeln.

Die passende Zeit, um Adieu zu sagen? Ja, denn das Comicbuch-Genre selbst befindet sich mittlerweile in so etwas wie in einer kreativen Sackgasse. Zwar suchen den Zuschauer Jahr für Jahr immer noch sechs bis sieben Adaptionen heim, manche davon auch durchaus unterhaltsam, die meisten davon aber schlecht, generisch und langweilig. Kaum traut sich eine Verfilmung, aus dem bunten Karneval auszubrechen. Während sich die Marvel/Disney-Fraktion mehr kindlicheren Gemütern zuwendet, verlieren sich die DC-Verfilmungen in einem fast schon lachhaften, depressiven Selbsternst.

20th Century Fox lässt sich jedoch wenig von den großen Erfolgen der Marvel-Konkurrenz beirren und hält weiterhin am X-Men-Franchise fest – mit durchwachsenen Erfolgen. „Deadpool“ erwies sich im letzten Jahr als wahre Goldgrube, auch wenn er inhaltlich im selbstreferentiellen Schall und Rauch unterging und dies als Originalität verkaufte. Ryan Reynolds Psychopathen-Knalltüte mit Bugs Bunny-Allüren konnte sich sogar so gut verkaufen, dass er für kurze Zeit als ernsthafter Oscar-Kandidat für das beste adaptierte Drehbuch gehandelt wurde.

Dennoch hatten die Verantwortlichen um „Deadpool“ eines richtig gemacht: Während sich andere Comicverfilmungen immer mehr dem „Lauter, schneller, explosiver (aber doch irgendwie langwieriger)“-Prinzip verschrieben hatten, ließ es der Comichelden-Clown eine Nummer bescheidener, brutaler und gemeiner angehen. Dies war unter anderen Aspekten auch einem wesentlich geringeren Budget geschuldet. „Logan – The Wolverine“ bedient sich nun dieses Rezeptes – und zwar so selbstbewusst, dass das bei den Hollywood-Studios so verhasste R-Rating nun als Verkaufs- und PR-Werkzeug herangezogen wird. Angeblich soll Hugh Jackman sogar auf einen Teil seiner Gage verzichtet haben, um mit seinen metallenen Krallen das Blut noch höher und öfter spritzen lassen zu können.

Thematisch sehr lose an die Comicreihe „Old Man Logan“ von Mark Millar und Steve McNiven angelehnt, erzählt die Adaption nun von einer anderen X-Men-Welt: Im Jahre 2029 sind Mutanten Mangelware. Logan (ehemals Wolverine) schlägt sich mehr schlecht als recht als Chauffeur durch und betrinkt sich oft bis zur Besinnungslosigkeit. Selbst die Wunden wollen nicht mehr so schnell verheilen wie früher. Nur wenn Straßengangs sein geleastes Luxusauto ausschlachten möchten, meldet sich sein animalischer Instinkt zurück, mit brutalsten Konsequenzen.

Mutanten-Mentor Charles „Professor X“ Xavier (Patrick Stewart) vegetiert dagegen – mittlerweile über 90 Jahre alt – in einem durchlöcherten Wassertank jenseits der mexikanischen Grenze vor sich hin. Teure und begehrte Medikamente sollen die hochgefährlichen, mentalen Fähigkeiten des einst mächtigen Telepathen in Schach halten. Soweit so deprimierend. Logan und Albino-Mutant Caliban (Stephen Merchant) kümmern sich im stetigen Wechsel um den mürrischen Xavier, mit einem klaren Plan vor Augen: Logan möchte genug Geld für eine Yacht zusammenkratzen, damit er und Charles auf hoher See dem Ruhestand oder dem Tod entgegen schippern können.

Die ehemalige Krankenschwester Gabriella (Elisabeth Rodriguez) und die junge Laura (Dafne Keen) machen dem grimmigen, einsamen Wolf jedoch einen Strich durch die romantische Rechnung. Gabriella hat das Mädchen Laura aus einem Geheimlabor geschmuggelt und sucht beim prominenten Logan – formerly known as Wolverine – nun um Unterstützung, um Laura nach Kanada zu transportieren. Der widerspenstige Held möchte zunächst nichts mit der Sache zu tun haben, vor allem als ihm der einarmige, aber mit Roboter-Gliedmaßen ausgestattete Söldner Pierce (Boyd Holbrook) einen Besuch abstattet. Letzterer befindet sich selbst auf der Jagd nach dem wertvollem Mädchen und geht dabei über Leichen – spezifisch über Gabriellas Leiche. Widerwillig packt Logan seinen neuen Schützling und seinen Mentor Xavier ein, gemeinsam begibt sich das Trio dann auf einen blutigen Roadtrip, um einen dubiosen Mutanten-Zufluchtsort zu finden.

Keine Capes, keine Laser-Strahlen, keine Explosionen oder Welteroberungsszenarien. Regisseur James Mangold geht sein Superhelden-Roadmovie betont reduziert an. Dafür schöpft er die höhere Altersfreigabe des Films voll aus: Zahlreiche Köpfe Rollen, Metallkrallen bohren sich auf jede erdenkliche Weise durch menschliches Fleisch. Das Blut spritzt, und zwar so reichhaltig, dass man sich fragen muss, ob FSK 16 wirklich noch angemessen ist. Nein, dieser Wolverine ist nichts für zarte Gemüter.

Dieses offene Geständnis zur Brutalität stellt aber dennoch etwas mehr als ein simples Gimmick dar, welches vor allem die härteren unter den Filmfans in den sprichwörtlichen Garten locken soll. In der düsteren, melancholischen und vermeintlich geerdeten Comic-Umwelt ergeben ehrliche Darstellungen von Konsequenzen durch Gewalt jedenfalls Sinn. Immerhin kommt das Spektakel nie hoffnungslos daher und findet hin und wieder sogar so etwas wie lakonischen Humor, wenn sich das ramponierte Trio durch die ebenso ramponierte US-Landschaft bewegt. Mangold revolutioniert damit zwar noch lange nicht das Genre, bedient sich aber gekonnt an bekannten Spätwestern-Mythen des müden und ausgedienten Cowboys.

Die Vater-Tochter-ähnliche Beziehung zwischen altem, widerspenstigen Helden und jungen Mädchen ist vielmehr ein Genrezugeständnis und weniger in einer ehrlichen Gefühlswelt verankert. Eine Bindung ist dank überzeugender, darstellerischer Leistungen bei Alt und Jung dennoch spürbar. Die Nachwuchsdarstellerin Dafne Keen bleibt über weite Strecken schweigsam, besitzt allerdings eine genügend wache und wachsame Präsenz. Reizvoll gestaltet sich die Wandlung Jackmans von einst junger und agiler Killermaschine hin zum humpelnden und zittrigen Alkoholiker – Muckis und Waschbrettbauch sind immerhin noch vorhanden.

Jackman und der großartige Patrick Stewart retten ihre mittlerweile eingespielte Chemie aus den Vorgängerfilmen erfolgreich herüber. Problematischer präsentiert sich hingegen die Bösewicht-Seite (nicht unüblich für das Genre): Söldner Pierce, dargestellt von „Narcos“-Star Boyd Holbrook, bietet nicht viel mehr als eine freche Schnauze und das, was man im amerikanischen Sprachraum gemeinhin als „punchable face“ bezeichnet. Seine Mit-Söldner sind nicht vielmehr als effektives Kanonen- bzw. Krallenfutter und ihr Chef Dr. Rice (Richard E.Grant) eine wenig erinnerungswürdige „Verrückter Wissenschaftler mit fragwürdiger Motivation“ – Arche-/Stereotype.

Das gefühlsbetonte Zentrum bildet ganz klar das Helden-Duo – und das an der ein oder anderen Stelle überaus wirksam. Jackman und Stewart nutzen diesen Abgesang, um im Korsett der Comicverfilmung noch einmal ihre gesamte emotionale Bandbreite aufzufahren. Dem treuen und selbst dem hartgesottenen Comic-Fan dürften sie also am Ende durchau ein Paar Tränchen in die Augen treiben. 

 

 

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