AKTUELL IM KINO

Logan Lucky

Frühjahr 2013. Frustriert vom aktuellen Studiosystem wendet sich Regisseur Steven Soderbergh von der Kinoleindwand ab – und dem kleineren TV-Bildschirm zu: Die Krankenhausserie „The Knick“, die im frühen 20. Jahrhundert angesiedelt ist, wird ein relativ großer Kritikererfolg, aber nur ein moderater Erfolg bei den Zuschauern. Sie erlaubte Soderbergh aber, sich kreativ auszutoben – wie bei vielen bei seiner Filme führte er Regie, übernahm die Kameraarbeit und den Schnitt bei allen 20 Episoden. Nur drei Jahre später kommt es allerdings wenig überraschend, dass der erfolgreiche und fleißige Starregisseur wieder zum Kino zurückkehrt. Allerdings nicht, ohne das so verhasste Studiosystem zumindest etwas aufzumischen.

Die Idee des praktisch veranlagten Filmemachers: Die klassischen, auf die sogenannten Tentpole-Filme fokussierten Studios völlig aus dem Produktions- und Vertriebsprozess auszuklammern. Das Konzept ist im Grunde nicht neu. Independent-Produktionen versuchen dies schon seit langem. Soderberghs Methode gestaltet sich jedoch etwas anders: Die Auslandsrechte des Films verkaufte er schon, bevor die Produktion begann. Das Geld nutzte er wiederum, um die Produktion zu finanzieren. Mit dem Verkauf der HBO-, Netflix-, VOD- und TV-Rechte bezahlte er das Marketing. Etwa die Hälfte der Einspielergebnisse fließen direkt aus den Kinokassen an Soderbergh und seine kreativen Partner zurück. Eine logische Konsequenz einer Regie-Karriere, die stets um mehr Unabhängigkeit bemüht war. Neben einem interessanten Unabhängigkeitsprojekt ist „Logan Lucky“ aber vor allem eines: Unheimlich unterhaltsam.

Jimmy Logan (Channing Tatum) hat nicht viel Glück im Leben: Seinen Job als Bauarbeiter verliert er, weil er durch eine Verletzung am Bein nicht versichert werden kann. Seine Ex-Frau möchte mit ihrem neuen, reicheren Mann und der gemeinsamen Tochter in eine andere Stadt ziehen. Sein Bruder der Barkeeper Clyde (Adam Driver) verlor seinen Arm im Irakkrieg und ist seitdem oftmals Ziel des Spotts von arroganten Bargästen. Mit der Perspektivlosigkeit findet sich Logan jedoch keinesfalls ab. Stattdessen fasst er einen Plan: Die NASCAR-Rennbahn ausrauben, an der er vor seiner Entlassung noch fleißig mitgearbeitet hat.

Dazu spannt Jimmy seinen zweifelnden Bruder und seine resolute Schwester Melli (Riley Kenough) mit ein. Trotz ihrer kriminellen Ambitionen handelt es sich bei den Geschwistern um Amateure. Für etwas mehr Professionalität ziehen sie den Sprengstoff-Experten und Safeknacker Joe Bang (Daniel Craig) mit ins Boot. Dieser sitzt allerdings im Gefängnis und möchte zudem noch seine beiden einfältigen Brüder Fish (Jack Quaid) und Sam Bang (Brian Gleeson) an dem Raubzug beteiligen.

Zurück zu Soderbergh. Da war doch was? Genau, die Oceans-Filme! Charme, coole Typen, Süffisanz, … das Konzept der Oceans-Filme war neu (Stars rauben Casinos aus), spätestens nach dem dritten Aufguss, mit „Ocean´s 13“, aber abgenutzt, wenn nicht sogar totgelaufen. Ein Szeneriewechsel ist da willkommen. Bei „Logan Lucky“ stehen keine geschniegelten Ganoven im Anzug im Mittelpunkt des Geschehens, sondern eine Gesellschaftsschicht, die in der Filmwelt nicht unbedingt die letzten Lacher auf ihrer Seite hat.

Äußerlich mögen die Logan-Geschwister zwar nicht allzu clever wirken, dennoch besitzen sie das Potential, sich selbst und das Publikum immer wieder zu überraschen. Potential, das sich im stoischen Auftreten der beiden Hauptdarsteller widerspiegelt, hinter dem aber immer etwas mehr zu stecken scheint. Gerade die Tatsache, dass es sich bei den Hauptcharakteren nicht um Vollprofis handelt, macht einen Teil des Spaßes und der Spannung aus. Eine Kombination, die der Oceans-Trilogie zuletzt gefehlt hat. Soderbergh schafft letztendlich die Gratwanderung, seine Protagonisten in komische Situationen zu manövrieren, ohne sich über sie lustig zu machen. Gelegentlich hätten dem Plot jedoch ein paar größere Hürden gutgetan, denn der Coup gestaltet sich stellenweise doch etwas zu einfach.

Mit einem locker-leichten Unterhaltungsfilm wie „Logan Lucky“ ist es wohl am einfachsten, um ein neues Finanzierungsmodell zu testen. In den USA scheint der Film hinter den Erwartungen zurückzubleiben. Am Film liegt es jedenfalls nicht. Die Gaunerkomödie wartet zwar nur mit kleinen Explosionen auf, bietet aber ein gut aufgelegtes Darsteller-Ensemble. Einzig Seth McFarlane und Hilary Swank wirken fehl am Platz.

Vor allem der Brite Daniel Craig hat soviel Spaß an einer Rolle wie schon lange nicht mehr (oder vielleicht noch nie?). Kleine Auftritte von Katherine Waterston, Katie Holmes, Sebastian Stan und Co… runden das Paket ab. Soderbergh vermeidet dankbarerweise jegliche tiefer gehende Aussage über eine gewisse Gesellschaftssicht oder gar über ein vergessenes Amerika. Wenn überhaupt tut er dies locker aus der Hüfte. Neben den humorvollen Momenten werden jedoch hin und wieder emotionale Elemente eingestreut, die aber nie unpassend, übersteuert oder kitschig wirken.

 

 

Kritikerspiegel Logan Lucky



Frank Brenner
choices, FRESH, etc.
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Stefan Turiak
Widescreen, mehrfilm.de
9/10 ★★★★★★★★★☆ 


Sascha Westphal
epd film, WAZ
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
7.5/10 ★★★★★★★½☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Kinofilmen im aktuellen Kritikerspiegel.

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INHALT

Die Brüder Jimmy und Clyde Logan werden vom Pech verfolgt. Während der impulsive Jimmy (Channing Tatum) einen Job nach dem nächsten verliert, wird Barkeeper Clyde (Adam Driver), der nur einen Arm hat, regelmäßig schikaniert. Und dann wären da noch die Geldsorgen. Aber Jimmy hat eine brillante Idee, die den beiden aus der misslichen Lage helfen soll: Ein Raubüberfall im großen Stil! Das prestigeträchtigste und legendärste NASCAR-Rennen der Welt, der Coca-Cola Cup 600, bietet scheinbar die perfekten Voraussetzungen für einen cleveren, unterirdischen Raubzug! Unterstützung erhoffen sich die Brüder vom berüchtigtsten platinblonden Safeknacker des Landes: Joe Bang (Daniel Craig) – der sitzt allerdings noch im Gefängnis fest. Während der Planung des großen Coups tauchen immer neue Hindernisse auf, doch gemeinsam mit ihrer Schwester Mellie (Riley Keough) setzen die beiden Brüder alles daran, ihre lebenslange Pechsträhne endlich zu beenden ... (Text: Studiocanal Filmverleih)
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