KRITIK

Lights Out

Bild (c) 2016 Warner Bros. Releasing Pictures.

Bild (c) 2016 Warner Bros. Releasing Pictures.

David F. Sandbergs Kurzfilm „Lights Out“ aus dem Jahr 2013 kam ohne Budget und äquivalent dazu auch inhaltlich mit sehr wenigen Worten aus. Die Prämisse ist in ihrer Essenz ein cinematischer Haiku. Eine Frau ist alleine in ihrem Apartment. Wenn die Lichter ausgehen, erscheint eine gruselige Geistergestalt. Werden die Lichter wieder eingeschaltet, verschwindet der Spuk. So simpel wie clever, brachte Sandbergs 3-Minüter dank viraler Popularität dem unerfahrenen Filmschaffenden aus Schweden die Unterstützung von Horrormeister James Wan ein. Mit einem finanzstarken, großen Studio im Rücken gelingt Sandberg nun der Spagat, der allzu oft scheitert.

Seine spielfilmlange Expansion des eigenen Kurzfilms kommt niemals zu weit von der ursprünglichen Idee ab und wiederholt schlussendlich denselben Jumpscare wieder und wieder. 80 Minuten lang wird identischer Schrecken präsentiert. Das gruseligste daran ist, dass die Rechnung exzellent aufgeht.

Eines vorneweg: „Lights Out“ ist ganz offensichtlich ein erster Feature-Film. Somit voller Übertreibungen (manche absolut beabsichtigt, andere hoffentlich nicht) und die zugrundeliegende Geschichte im Hintergrund ist verwirrend bis albern. Die erfrischende Nüchternheit, voller leichtfertiger, ja unschuldiger Energie, der „Craft“, die Sandberg zu Tage legt, um nichts anderes zu tun, als erfinderischen und unnachgiebigen Schrecken zu verbreiten, ist jedoch mehr als nur erstaunlich. Dank ihr dürfte er nicht nur ein breites Publikum für sich gewinnen, sondern den Ideengeber Sandberg selbst recht zügig an die Spitze internationaler Horrorfilmer katapultieren.

LIGHTS OUT„Lights Out“ eröffnet mit einer finanziell aufgepumpten Wiederauflage des ursprünglichen Kurzfilms, mit derselben Schauspielerin (Sandbergs Frau Lotta Losten) und demselben, weiblichen Spuk aus der Finsternis als Akteure. Dieses Mal ist die Handlung in einer düsteren Textilfabrik angesiedelt und endet damit, dass Paul, der Besitzer der Fabrik, tot am Boden liegt. So viel sei an dieser Stelle verraten.

Den Rest des Films verbringt der Zuschauer mit dessen Familie: Seine rebellische Stieftochter Rebecca (Teresa Palmer), sein zappeliger Sohn Martin (Gabriel Bateman) und seine geistig nicht ganz gesunde Witwe Sophie (Maria Bello). In einer cleveren Verkehrung des üblichen Kinderklischees in Horrorfilmen, ist es Mutterfigur Sophie, die mit einer eingebildeten Freundin spricht. Diana heißt die Nicht-so-wirklich-Gute und sie hängt mit Vorliebe in den finsteren Ecken des Hauses herum. Martin ist vom Verhalten der Mutter komplett verängstigt, die kratzenden Geräusche, die des Nachts durchs Haus hallen, machen es nicht besser. Ihn plagt Schlaflosigkeit von einer Intensität, dass die Schulkrankenschwester sich gezwungen sieht, die ältere Stiefschwester Rebecca zu informieren.

Szene_Lights_Out_mehrfilm_deRebecca hat kürzlich erst das dunkle Familienhaus gegen die Gothikversion eines Jungesellinnenapartments getauscht (natürlich über einem Tattoostudio), in dem sie ihren süßen, aber latent unterbelichteten Freund Bret (Alexander DiPersia) immer in Reichweite hat. Als Martin ihr die Gründe für seine Schlaflosigkeit beichtet, fallen ihr sofort eigene, ähnliche Erfahrungen aus dem Elternhaus ein und deswegen lädt sie ihren Bruder ein, bei ihr zu bleiben.

Sandberg zeigt nur marginales Interesse daran, sein eigenes Setup groß auszubreiten. Nur ein kleiner Hauch von Skepsis die übernatürlichen Vorgänge betreffend weht durch „Lights Out“. Rebecca kommt dem Mysterium hinter Mutters eingebildeter Freundin schnell auf die Spur. Aber es sind die zentralen Beziehungen, die funktionieren. Dies liegt hauptsächlich daran, dass die Charaktere nicht überzeichnet und somit im Fokus alles grundlegend ehrliche und real wirkende Menschen sind. Sie glauben einander und passen gegenseitig auf sich auf. Was jedoch nicht bedeutet, sie würden immer logische Entscheidungen treffen. Immerhin haben wir es hier mit einem Haunted-House-Horror-Film zu tun.

Anstatt sich also mit irgendwelchen uralten Legenden oder bluttriefenden Kriminalakten im Hintergrund aufzuhalten, ziehen Sandberg und sein Autor Eric Heisserer die Schrauben stetig an und liefern unablässig kreativer werdende, auf praktischen Effekten basierende Versionen des primären Konflikts von „Lights Out“: Es gilt der Dunkelheit fernzubleiben, mit allen Mitteln. Nachdem schon diverse Angriffe durch Diana überstanden sind, beschließen Rebacca (mit dem armen Bret im Schlepptau) und Martin eine Art Intervention für ihre Mutter auszurichten. Dafür müssen sie allerdings die Nacht im verwinkelten, von dichten Vorhängen verdunkelten Anwesen der Familie verbringen.

LIGHTS OUTKameramann Marc Spincer, mit seiner aktiven, aber niemals zu aufdringlichen Bildgestaltung, zeichnet hier wunderbare Varianzen von Licht und Schatten. Er erzeugt Grusel in grade so nicht komplett finsteren Abstellkammern. Ihm gelingt es, flackernden Glühbirnen zu neuem Schrecken zu verhelfen und die kleinsten, pechschwarzen Ecken – an selbige schwächer werdende Taschenlampen nicht gelangen wollen – zu Orten des Terrors herauf zu stilisieren.

Palmer performt in der Hauptrolle amtlich, ist eben keine Scream-Queen oder toughe Kämpferin und versucht sich weder in unangemessener Ernsthaftigkeit noch in ironischer Anbiederung. Maria Bello als wahnsinnige Matriarchin ist überzeugend verstört und zerfahren, ihr gelingt es auch dann noch Sympathien einzufahren, wenn sie ihr Kinder in tödliche Dilemma noch und nöcher bringt. Der Jungspund der Runde, Bateman, weiß ebenfalls als sorgenvoller Sohn zu punkten.

Die leichteren Noten in „Lights Out“ spielt DiPersia als gutmütiger, netter Trottel ein. Besonders in einer längeren Fluchtsequenz, zwischen all den Momenten, an denen man die Luft anhalten möchte, bringt er einem wieder erleichterndes Gelächter und somit etwas Entspannung zurück in den Brustkorb. Grade diese Mischung ist es, die „Lights Out“ den optimalen Nachgeschmack verleiht: Schrecken, Freude und handwerkliche Feinheiten sind absolut auf gleich hohem Niveau. Nicht verpassen!

 

 

Kritikerspiegel Lights Out



Gian-Philip Andreas
Westfälische Nachrichten
6/10 ★★★★★★☆☆☆☆ 


Julius Zunker
kinofans.com, mehrfilm.de
8/10 ★★★★★★★★☆☆ 


Durchschnitt
7/10 ★★★★★★★☆☆☆ 


Weitere Noten zu aktuellen Filmen findest Du in unserem Kritikerspiegel.

 

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INHALT

Als Rebecca ihr Elternhaus verließ, glaubte sie noch, dass sie damit auch ihre Kindheitsängste endgültig überwunden hätte. Als Jugendliche konnte sie Realität und Einbildung nie recht unterscheiden, sobald nachts das Licht erlosch. Und jetzt durchleidet ihr kleiner Bruder Martin dieselben unerklärlichen, entsetzlichen Vorgänge, die Rebecca einst den Boden unter den Füßen wegzogen und sie an den Rand des Wahnsinns trieben: Wieder taucht das grässliche Wesen auf, das auf geheimnisvolle Weise mit ihrer Mutter Sophie verbunden scheint. Doch diesmal versucht Rebecca der Wahrheit auf den Grund zu gehen, und sehr schnell wird überdeutlich, dass die Familie in Lebensgefahr schwebt … sobald das Licht erlischt. Die Hauptrollen spielen Teresa Palmer („Triple 9“) als Rebecca, Gabriel Bateman ("Annabelle") als Martin, Billy Burke (die "Twilight"-Kinoserie) als Martins Vater Paul, Alexander DiPersia („Forever“) als Rebeccas Freund Bret und Maria Bello ("Prisoners") als Sophie. (Text: Warner Bros. Germany Filmverleih)
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