KRITIK

Life, Animated

„Er mag wirklich im Drehbuch vorgeschrieben Szenarien“ , sagt eine Therapeutin in Roger Ross Williams zweitem Langfilm und sie könnte dabei ebenso gut den autistischen Protagonisten Owen Suskind meinen wie den Regisseur. Williams´ Adaption von Ron Suskinds gleichnamigem Bestseller erschleicht sich die Prädikate herzerwärmend und -erweichend durch systematische emotionale Manipulation, in zynischer Analogie zu den darin verklärten Filmen. Sie tragen alle das Label der gleichen Fabrikationsstätte süßlicher Geschichten voll jener Helden und Sidekicks, von denen Ron Suskind im Titel seiner autobiografischen Vorlage spricht. Als beides in einem sieht er seinen jüngeren Sohn Owen. Bei ihm wurde im Alter von drei Jahren Autismus diagnostiziert.

Seine Eltern erleben, wie sich ihr Kind fast vollständig von der Außenwelt abkapselt, nachdem sie zuvor „eine große glückliche Familie“ waren. Es ist der klassische dramaturgische Verlauf einer märchenhaften Ausgangssituation, die ein schreckliches Unglück abrupt beendet. Doch als fast alle Hoffnung verloren scheint, hat Owen seinen Helen-Keller-Moment. Der Junge spricht wieder und formuliert bald komplexe Gedanken und Sätze, auf die nicht einmal die Erwachsenen gekommen wären.

Der „Miracle Worker“ der perfekten Leinwandstory ist jedoch kein Mensch. Es ist ein Filmstudio. Mit einer Mischung aus Animationen, Interviews und Alltagsszenen wird den Disney-Produktionen, insbesondere den Zeichentrickklassikern wie Aladdin, Bambi oder König der Löwen, eine therapeutische, an Wunderheilung grenzende Wirkung zugeschrieben.

Die normative und narrative Konformität der verklärten Filme, ihr latenter bis eklatanter Rassismus, Sexismus und skrupelloser Kommerzialismus und deren Effekt werden nie erwähnt. So wie Owen durch Nachsprechen der Dialoge seiner Lieblingsfiguren seine Sprachhemmung überwindet, bedient sich der Regisseur der typischen inszenatorischen Manöver eines Disney-Märchens.

Inwiefern diese Dramaturgie von den Suskinds unterstützt wurde, bleibt dabei spekulativ. Williams konstruiert wirkender Plot manipuliert nicht nur mittels sentimentaler Musik und kitschigen Trickfilmbildern, sondern offenbar gestellten Szenen und einstudierten Aussagen. Der perverse Twist der lukrativen Coming-of-Age-Story ist, dass sie Owens Werdegang zur autarken Persönlichkeit verkauft, während sie ihn gleichzeitig als Marketing-Objekt instrumentalisiert. Ab 22. Juni im Kino!

 

 

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