KRITIK

Life

Bild (c) 2017 Sony Pictures Releasing.

Wie jedes Genre benötigt auch das Science Fiction – Genre immer mal wieder frisches Blut, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Altregisseur Sir Ridley Scott arbeitet momentan eifrig daran, sein „Alien“ im ewigen Franchise-Fegefeuer schmoren zu lassen – die nächsten sechs Fortsetzungen sind scheinbar schon geplant. Vielleicht ist es gerade jetzt höchste Zeit für eine frische Infusion des „Astronauten sitzen in einem Raumschiff und/oder einer Raumstation fest und werden aufgefressen“-Subgenre.

Dazu fühlte sich Regisseur Daniel Espinosa auserkoren. Dieser rief mit seinen bisherigen Hollywood-Filmen, dem mittelmäßigen „Safe House“ und dem noch mittelmäßigeren „Kind 44“, bisher bei den Fans nur Schulterzucken hervor. Dennoch schafft er es immer wieder, eine recht ansehnliche Besetzung zusammen zu trommeln. Im Fall von „Life“ sind es „Mission Impossible„-Breakout-Star Rebecca Ferguson, „Deadpool“ Ryan Reynolds und Jake Gyllenhaal (der noch immer nach seinem passenden Action-Franchise sucht). Aber um es vorweg zu nehmen: Abgesehen vom hochkarätigen Cast bleibt „Life“ sehr ambitionslos.

Das Wissenschaftsteam mit Miranda North (Rebecca Ferguson), Roy Adams (Ryan Reynolds), David Jordan (Jake Gyllenhaal), Sho Kendo (Hiroyuki Sanada), Kat (Olga Dihovichnaya) sowie Hugh Derry (Ariyon Bakare) kann es kaum erwarten, eine Marssonde in Empfang zu nehmen. Diese kehrt gerade vom roten Planeten zur Internationalen Raumstation zurück und bringt Bodenproben mit, unter denen sich ein mikroskopisch kleiner, außerirdischer Organismus befindet. Insbesondere der Forscher Hugh Derry ist sehr an der außerirdischen Lebensform interessiert und freundet sich gar mit dem Wesen an, das fortan Calvin genannt wird. Calvin fasziniert vor allem, weil er ein Alleskönner ist, der instinktiv auf seine Umwelt reagiert und in einer einzigen, winzigen Zelle Gehirn, Muskeln, Sehnen und alles andere, was man so benötigt, vereint.

Nicht lange nach dem ersten Kontakt fällt das Wesen jedoch in einen Tiefschlaf und lässt sich durch nichts und niemanden wieder wecken. Hugh Derrys Idee: Das gelatineartige Etwas mit Elektroschocks stimulieren. Und wer schon einmal einen Science Fiction oder Horrorfilm gesehen hat, dem wird instinktiv klar, dass es sich hierbei um keinen guten Einfall handelt. Der Marsianer Calvin, mittlerweile zu einer Art Tintenfisch herangewachsen, verletzt Derry schwer, befreit sich aus dem beengten Labor und arbeitet sich in die ISS vor. Dabei macht er auch vor den restlichen Crewmitgliedern nicht halt und vergrößert sich in atemberaubender Geschwindigkeit. Wenn alles schief geht, könnte er sogar der Erde gefährlich werden. Mit vorhersehbaren Konsequenzen.

Den ersten Akt des Weltraumhorrors hält Regisseur Espinosa mit einigermaßen sicheren und kompetenten Händen zusammen: Er führt die Figuren mit den nötigen Charaktermomenten und sogar einigen, kleinen Überraschungen ein. Allerdings versuchen Drehbuchautoren Rhett Reese und Paul Wernicke ihren Charakteren auch etwas zu verzweifelt Tiefe zu verleihen. So ist Militärarzt David Jordan nach seinen Erfahrungen im kriegsgeschundenen Syrien von der Menschheit dermaßen angewidert, dass er nur noch fern der Erde glücklich ist. Trotzdem schaut er die ganze Zeit so traurig drein, dass man meinen könnte, Jake Gyllenhaal hätte das Drehbuch erst nach Unterschreiben des Vertrages gelesen. Bei der Syrien-Backstory handelt es sich um ein albernes Gimmick, um einer nicht unbedingt interessanten Figur einen aktuellen Zeitbezug zu geben. Im Kontext eines B-Movies mit Tendenzen zum C-Movie, zu dem sich „Life“ im späteren Verlauf entwickelt, ist dies fast schon unangemessen.

Davon abgesehen gaben sich die Drehbuchautoren in dieser Hinsicht aber auch nicht allzuviel Mühe: Ryan Reynolds bleibt gutaussehend und blass wie so oft. Und es ist nicht verwunderlich, dass ihm seine „Deadpool“-Autoren alle Oneliner ins freche Mundwerk legen. Sho Kendo hat eine Familie, die er vermisst, und Hugh Derry hat Probleme physischer Natur, die an dieser Stelle noch nicht verraten werden sollen. Miranda North und Kat sind ebenfalls Figuren, die anwesend sind, aber ihnen gönnen die Verantwortlichen nicht einmal den Hauch von Zweidimensionalität, und auch nur eine von ihnen bekommt einen Nachnamen.

Die Stärken und den Charme der talentierten Darsteller auszuspielen, liegt offenbar nicht im Interessenbereich von Regisseur Espinosa. Vielmehr versteift er sich auf Kopien aus der Filmhistorie, wie aus „2001“ und auf zahlreiche „Alien“-Zitate, ist dabei allerdings nur halb so talentiert wie seine Regie-Vorbilder. Denn eine dichte und spannende Atmosphäre will sich nur anfangs aufbauen. Das durchsichtige Tentakelmonster Calvin ist mal hier, mal dort, mal überall sonst, wo es gerade sein muss, um das Innere der Crewmitglieder nach außen zu kehren und die Zuschauer zumindest zu Beginn noch effektiv zu erschrecken. Die sogenannten Jump Scares nutzen sich allerdings schnell ab und eine innere Logik wird ebenso flink links liegen gelassen. Der clevere, außerirdische Organismus kann so ziemlich alles, was das Drehbuch gerade verlangt. So ist er zwar im Vakuum des Weltraums eigentlich nicht lange überlebensfähig, aber immerhin lange genug, damit er sich nach einem kleinen Ausflug wieder in die Raumstation einschleichen kann. Insbesondere im dritten Akt vermag Calvin mit Hilfe eines inkohärenten Filmschnitts, Zeit-, Raum- und vermeintliche Logiklöcher mit Leichtigkeit zu überbrücken.

Selbst die Figuren verhalten sich hier kopflos, auch wenn sie immer wieder vorgeben, auf solche Situationen vorbereitet zu sein. Die FSK 12 ist gleichzeitig überraschend, für einen Scifi-Thriller wie diesen aber auch ein echter Segen. Denn jeder ältere Kinobesucher, der bereits einen „Alien“-Film gesehen hat, sollte hier nichts Neues entdecken. Trotz alledem bleibt „Life“ seltsam unterhaltsam: Ohne sich lange mit Unsinn aufzuhalten, kommen alle Protagonisten, insbesondere Calvin, schnell zur Sache. Der Grusel packt den Zuschauer zwar nur einleitend aber immerhin ist alles, was folgt, auf amüsante Weise albern. Wenn der Hauch von Subtext zu Text wird und die Hauptfiguren über das titelgebende Leben philosophieren, das sich unaufhaltsam und emotionslos seinen Weg bahnt, ist das fast schon niedlich. So gesehen, ist der Film „Life“ wie das Leben selbst: Wenn man es nicht ganz so ernst nimmt, ist man davon auch nur halb so genervt.

 

 

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